Wie schreibe ich ein Paper? – Teil 1: Markdown, Zettelkasten, Prinzipien

Wissenschaftliche Paper zu schreiben, umfasst viele verschiedene Aufgaben: Text lesen, Notizen machen, Wissen organisieren, ablegen und wiederfinden und natürlich das Schreiben selbst. Diese Artikel-Reihe zeigt, wie ich Paper schreibe. Mit von der Partie: Markdown, Zettelkasten, Obsidian, Zotero und noch einiges mehr..

Ich schreibe auf diesem Blog verschiedene Arten von Artikeln: Test von Hard- und Software, Workflow-Artikel für bestimmte Apps, allgemeinere Gedanken zum (wissenschaftlichen) Arbeiten und kleine Tipps und Tricks. Und dann gibt es da noch Artikel, die ich als Fundament ansehe. Artikel, die ausführlich auf ein umfassendes Problem eingehen und meinen Lösungsvorschlag darlegen. In dieser Artikel-Reihe möchte ich darüber schreiben, wie ich Paper, also wissenschaftliche Veröffentlichungen schreibe. Im Mittelpunkt stehen dabei zum einen die Tools, die ich nutze und zum anderen mein Workflow, um von einer Idee zu einem ersten Paper-Entwurf zu kommen.

Die Frage, wie wir uns Wissen aneignen, weiterverarbeiten, neu denken und schließlich in Form eigener Texte zurück in die Welt bringen ist sicherlich die umfassendste und wichtigste Aufgabe, die sich für Wissensarbeiter*innen jeder Couleur stellt. In der Vergangenheit habe ich schon zwei Artikel hierzu geschrieben, den ersten als Startpunkt, den zweiten – vor etwa einen Jahr – als Reaktion auf meinen veränderten Workflow. Damals beschrieb ich, wieso ich Devonthink hinter mir gelassen hatte und wie ich das Markdown-Format, sowie Apps, die gut damit umgehen können (allem voran iA Writer) zum Zentrum meines Arbeitens gemacht hatte. Auch der Zettelkasten hatte bei mir Einzug gehalten und damit eine Methode, um meine Notizen miteinander in Beziehung zu setzen.

Was ist von diesem System nach einem Jahr noch übrig? Gar nicht so wenig. Es hat sich aber auch vieles verändert. Zum einen arbeite ich kaum noch außer Haus – Corona „sei Dank“. Im Jahr 2019 pendelte ich demgegenüber fast wöchentlich zu meinem Arbeitsort und verbrachte zudem ca. 6 Wochen im Ausland. All diese Zeit arbeitete ich mit meinem iPad Pro und verschiedenen externen Tastaturen. Und wenn ich mal zuhause war, änderte sich daran auch nicht so viel, einfach weil ich an das Arbeiten mit dem iPad gewöhnt war. Das hat sich in diesem Jahr gründlich in Richtung Mac verschoben. Ich sitzen den Großteil meines Arbeitstages davor, das iPad hat nur noch eine (wichtige) Helferrolle.

Die Note-Taking-Revolution ändert alles

Als noch einschneidender stellte sich aber die „Note-Taking-Revolution“ dar, die aktuell in vollem Gange ist. Waren Notizen-Apps über viele Jahre eher eine Quelle des Verdruss (Looking at you, Evernote!), kam im letzten Jahr richtig Bewegung ins Thema. Notion machte Schlagzeilen und trendete auf Youtube. Etwas nerdiger, aber in der Productivity-Bubble nicht weniger nachhaltig trat dann Roam Research auf den Plan. Plötzlich war es möglich, Notizen einfach über Backlinks aneinander zu binden und so Wissensnetze zu stricken. Auch ich habe Roam ausprobiert und war angetan. Mich störten aber auch einige Punkte. Roam ist nur im Browser verfügbar und auch meine Notizen liegen folglich auf Roam-Servern. Ein No-Go für mich, nicht nur, aber auch aus Datenschutzgründen. Ich hatte ja nicht umsonst die Strategie ausgegeben, Markdown-Dateien ins Zenrtum meines Arbeitens zu stellen. Roam war also raus.

Umso größer war mein Interesse, als ich das erste Mal von Obsidian hörte. Obsidian versprach einige Prinzipien von Roam Research (Backlinks, Knowledge Graph) zu nehmen und mit Markdown-Dateien zu kombinieren. Alles lokal, ohne Abogebühren, potenziell erweiterbar durch Plugins. Ich würde also weiterhin alles in Markdown-Dateien und damit letztlich Text-Dateien schreiben können, die auch andere Apps nutzen können. Keine abgeschlossenen Silos, keine proprietären Dateiformte. Ein dreiviertel Jahr später sitze ich hier und schreibe diese Zeilen in Obsidian. So wie ich jeden Tag vor dem Rechner sitze, Obsidian geöffnet habe und Texte hineinschreibe.

Obsidian war das fehlende Stück für einen integrierten Workflow, der auf Markdown basiert und vom Lesen von fremden Texten, über das Extrahieren von Wissen, das Nachdenken darüber und schließlich das Schreiben neuer Paper alles abdeckt. Zeit also, sich diesen Workflow einmal in seiner Gänze anzuschauen, in der Hoffnung, anderen eine Inspiration zu sein.

Der Text ist sehr umfangreich, weshalb ich mich dazu entschieden habe, ihn über die nächsten Wochen in mehreren Teilen zu veröfetnlichen. Am Ende wird der Gesamtartikel auch als PDF herunterladbar sein.

Insgeasmt wird es vier Teile geben. Im ersten Teil gebe ich Einblicke in grundlegendere Überlegungen. Wieso Markdown? Wie siehts mit dem Zettelkasten aus? Außerdem schreibe ich auch was zu den Tools, die mich in meiner Arbeit unterstützen, sonst aber im Hintergrund bleiben.
In den weiteren Abschnitten werde ich mich dann am typischen Ablauf meiner Arbeit orientieren: Informationen sammeln, lesen, zusammenfassen, Wissen extrahieren, produktiv verarbeiten, selbst schreiben und das dann wieder in die Welt bringen – der ewige Kreislauf des Wissens. 🙂

Markdown als Grundlage

Es macht nicht so viel Sinn, hier das Rad neu zu erfinden. Ich habe schon im Artikel von vor einem Jahr aufgeschrieben, wieso ich denke, dass Markdown ein fantastisches Dateiformat ist und wieso ich es für alle meine Notizen und Texte nutzen möchte. An dieser Stelle kopiere ich also einfach mal die relevanten Abschnitte von vor einem Jahr:

Als ich auf den Zettelkasten umgestiegen bin, habe ich auch kurz darüber nachgedacht, in welcher Form ich die dauerhaften Notizen ablegen möchte. Grundsätzlich kommt dafür ja Handschrift oder eben Computerschrift (ist das ein Wort?) infrage. Ich habe mich aber schnell dafür entschieden, dass fertige Notizen als digitaler Text vorliegen sollen und nicht etwa als aus GoodNotes exportiertes PDF. Hieraus ergeben sich zwei Fragen: Welches Dateiformat macht am meisten Sinn und mit welchem Programm möchte ich arbeiten?

Meine Anforderungen ans Dateiformat sind, dass es so universell wie möglich sein soll, um nicht an bestimmte Apps gebunden zu sein. Das spräche für einfache txt-Files. Gleichzeitig möchte ich aber ein Mindestmaß an Formatierbarkeit, was bei txt per Design ausgeschlossen ist. Ich wollte aber auch nicht das rtf-Format nutzen, da es für das iPad nicht sonderlich viele Texteditoren gibt, die gut mit rtf umgehen können. Damit ich dennoch beide Anforderungen erfüllen kann, entschied ich mich für Markdown. Markdown wurde von John Gruber und Aaron Swartz entwickelt ist eine vereinfachte Auszeichnungssprache ähnlich zu HTML (nur einfacher), die es ermöglicht, einem Text schon beim Schreiben Formatierungen zuzuweisen, ohne dafür über die reine Textebene hinausgehen zu müssen. Hier gibt es eine gute deutschsprachige Einführung. Einfache Beispiele sind ein *, die man vor und nach einem Wort setzt, um es kursiv zu schreiben oder zwei ** für fett. Markdown-Dateien werden zwar mit der .md-Dateiendung gespeichert, können aber problemlos in .txt-Files umgewandelt werden, sollte das mal nötig sein, da sie ja nur aus einfachem Text bestehen.

Ich habe also einen Ordner auf meiner Festplatte, der bis oben hin voll ist mit Markdown-Dateien. Der Vorteil ist klar: jede App, die Markdown kann, kann auch diese Dateien lesen, ohne dass ich sie in eine App importieren und damit „wegsperren“ müsste. Stattdessen habe ich ein großes Text-Silo auf das alle Apps zugreifen können. Dieses Jahr ist die Strategie voll aufgegangen, da Obsidian veröffentlicht wurde. Rückblickend bin ich daher sehr glücklich über meine Entscheidung, voll auf Markdown zu setzen.

Zettelkasten als Inspiration

Das Dateiformat ist also klar, die nächste Frage ist, wie ich meine Notizen organisiere und in Beziehung setze. Im Dezember 2019 schrieb ich, dass ich unzufrieden war mit meinem Umgang mit Wissen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich es mir wirklich aneigne, oder produktiv damit arbeite. Stattdessen lagen markierte PDF-Dateien irgendwo auf der Festplatte rum, ohne dass ich wirklich etwas damit anfangen konnte. Aus diesem Gefühl heraus befasste ich mich mit dem Zettelkasten. Ursprünglich vom Soziologen Niklas Luhmann erdacht, hat er im vergangenen Jahr eine ziemlich bemerkenswerte Karriere in der Productivity-Bubble gemacht und ist auch in der englischsprachigen Blogo- oder Podcastosphäre angekommen. Auch hier werde ich darauf verzichten, haarklein aufzuzählen, wie der Zettelkasten funktioniert. Das haben andere schon ganz hervorragend an anderer Stelle getan. Am besten ist sicherlich dieser Artikel geeignet: Introduction to the Zettelkasten Method. Aber auch ich habe mich an einer kurzen Zusammenfassung versucht und werde daher einfach wieder die relevanten Teile aus dem letztjährigen Artikel hier zitieren:

Was ist der Zettelkasten? Das hier mal eben ausführlich zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Ich versuche es mal skizzenhaft. Entwickelt wurde er vom Soziologen Niklas Luhmann, der während seiner akademischen Karriere außergewöhnlich produktiv war. Das dürfte zum einen daran gelegen haben, dass er nicht ständig Forschungsprojekte bei der DFG oder irgendwelchen Ministerien beantragen musste, zu einem guten Teil aber auch am Zettelkasten.

Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von Notizen, die aufeinander verweisen können. Auf jeden Zettel kommt ein Gedanke, beispielsweise ein spannendes Argument, das man in einem Text gelesen hat. Der Zettel bekommt dann eine Nummer, einfach bei 1 beginnend. Der nächste Zettel bekommt die 2, dann die 3 etc. So zumindest, wenn 1, 2 und 3 nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich nach einiger Zeit aber mal wieder etwas lese, das inhaltlich zu Zettel 1 passt, kann ich ihm schlecht die 2 geben, da die ja schon einem anderen Thema zugeordnet ist. Daher bekommt er z.B. die Bezeichnung 1a. Und ein Gedanke, der auf 1a folgt die 1b. Und wenn ich 1a abzweigen möchte? 1a2. Auf diese Weise lässt sich ein Gedanke unendlich weiter verzweigen. Wie das verwendete Schema genau aussieht, kann sich jede*r selbst ausdenken, Hauptsache es ist konsistent.

Wichtiger als das Bezeichnungsschema ist aber, die Verbindung von Zetteln untereinander. Da jeder Zettel ja eine eindeutige Identifikationsnummer hat, kann man auch problemlos auf jeden Zettel verweisen. Hierfür schreibe ich unter den eigentlichen Notiztext die Zettelnummern, die inhaltlich relevant sein. Mit wachsendem Zettelkasten wird man nicht mehr alles abdecken können, Luhmann hatte z.B. ca. 90.000 Notizen. Aber das muss man auch gar nicht. Der Charme liegt darin, dass man mit einer einzigen Einstiegsnotiz zu ganz anderen Gedanken kommen kann, da die erste Notiz auf zwei oder drei andere verweist, die wiederum andere Verbindungen haben und so weiter.

Ein zweiter Verbindungsmechanismus sind Schlagworte. Hierfür schreibe ich einfach passende Schlagworte mit einem #-Zeichen unterhalb der Notizverweise und gebe auch den Textfiles die jeweiligen Schlagworte.

Als letztes – und das sollte man nie vergessen – kommt noch die Quellenangabe. Wo habe ich diesen Gedanken her? In der Regel ist das eine Literaturangabe, sprich Autor*in Jahr: Seitenzahl oder welches Zitationsformat ihr auch verwendet. Das bringt natürlich nur etwas, wenn man die Quelle auch in eine Literaturverwaltung einträgt, da man sonst ja irgendwann nicht mehr weiß, worauf sich die Referenz bezieht.

Was ist davon geblieben? In erster Linie das Prinzip, dass Notizen nicht in einem Vakuum leben, sondern mit einander in Beziehung gesetzt werden können. Da ganze Benennungsschema konnte ich hinter mir lassen, da Obsidian es mir ermöglicht, Notizen einfach mit ihrem Titel zu verlinken. Die eindeutigen Identifier des Zettelkasten kommen ja in erster Linie aus einer Zeit, in der man Hyperlinks auf Papier umsetzten wollte. Sicherlich spielen die Identifier auch noch insofern eine Rolle, als dass sie einer Notiz einen festen Ort im System zuweisen. 1a kommt nach 1, aber vor 2. Das hat sicherlich einen Nutzen, hat bei mir aber immer eine innere Abneigung ausgelöst, wirklich viel mit dem Zettelkasten zu arbeiten, da ich es irgendwie mühsam fand. Jetzt setze ich auf eine Kombination aus [[pages]] und Einstiegsnotizen, auch unter dem Begriff Map of Content (MOC) bekannt. Dazu, sowie meiner generellen Organisation in Obsidian schreibe ich in folgenden Teilen des Artikels noch ausführlich. Für den Moment reicht der Hinweis, dass der Zettelkasten eine super Inspiration war, um intensiv über die Organisation meines Wissens nachzudenken und dass seine Prinzipien auch immer noch gut bei mir zu erkennen sind. Nur die ganz orthodoxe Umsetzung hat sich für mich nicht als praktikabel erwiesen.

Infrastruktur im Hintergrund: Clouds, aText und Automatisierung

Der Ordner, der all meine Notizen beinhaltet liegt in meiner iCloud, sodass er über meine Geräte hinweg synchronisert wird. Man kann hier natürlich auch jede andere Cloud nutzen, ganz wie es einem beliebt. Da es nur einfache Text-Dateien sind, hält sich auch der benötigte Speicher in engen Grenzen. Mehr gibt es an dieser Stelle auch nicht zu sagen.

Um mir ein bisschen Tipparbeit abzunehmen, nutze ich zudem aText. aText ist ein Tool zur Textersetzung, ähnlich wie das bekanntere Text Expander, allerdings sehr viel günstiger. Man tippt irgendein vorher definiertes Kürzel und aText macht daraus ein Wort, eine Wortgruppe oder sonst etwas, das man vorher definiert hat. xps wird bei mir z.B. zur Adresse meines Blogs, @ps verwandelt sich zu meiner Blog-Mailadresse. Und wenn ich zknote tippe, erscheint mein Notizen-Header-Template in dem ich Metadaten wie Quelle, Tags und zugehörige andere Notizen sammle. Der Titel wird dabei aus meinem Clipboard befüllt.

Automatisierung ist mehr als nur weniger tippen

Warum das ganze Bohei? Eine Kernerkenntnis für mich war, dass ich es mir selbst so einfach wie möglich machen muss, Wissen aufzuschreiben. Willenskraft ist nun mal eine endliche Ressource und da fällt es manchmal schwer, während eines anstrengenden Arbeitstags auch noch Notizen für den Zettelkasten zu schreiben.

Zeit- und Willenskraftersparnis sind aber nur zwei Gründe, die dafür sprechen, sich das Leben etwas zu vereinfachen. Mindestens genau so wichtig ist es, Fehler zu reduzieren und eine gewissen Einheitlichkeit im System herzustellen. Meine Notizen sollen mich ja auf Jahre, bzw. eher Jahrzehnte begleiten. Und dafür benötige ich ein System, dem ich blind vertrauen kann. Das wird aber nur klappen, wenn die Konventionen des Systems über die Zeit die gleichen bleiben. Ich muss mich darauf verlassen können, dass die Art, wie ich mit Tags oder Überschriften umgehe, die gleiche ist wie vor fünf Jahren. Und an diesem Punkt ist Automatisierung die Lösung. Andernfalls müsste ich ständig nachschauen, um sicher zu gehen, meine eigenen Konventionen korrekt umzusetzen. Das wiederum würde permanent meinen Flow unterbrechen und mich von den Inhalten ablenken.

Zusammengefasst bringt mir Automatisierung also Zeitersparnis, geringeren Aufwand, damit im Zusammenhang weniger Belastung für meine Willenskraft, sowie eine geringere Fehleranfälligkeit. Im Gegenzug tendiere ich eher dazu, Notizen auch wirklich zu schreiben und somit meine Wissensbasis zu vergrößern. Gleichbleibende Konventionen sorgen dafür, dass ich Vertrauen in mein System habe und auch nach Jahren noch weiß, was ich erwarten kann und wie ich nach etwas suchen muss.

Im nächsten Teil geht es darum, wie ich Informationen aus verschiedenen Medien wie Artikeln, wissenschaftlichen Papern, Podcasts, Videos oder auch einfachen Gesprächen extrahiere und abspeichere, um damit produktiv arbeiten zu können.


Photo by Fallon Michael on Unsplash

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