Papierlos Guide (4) – Lernen mit dem Zettelkasten

Ich habe hier schon öfter beschrieben, dass man mit Wissensressourcen arbeiten muss, wenn man sie sich wirklich aneignen möchte. Aber was meine ich damit? Ich möchte die folgenden Zeilen nutzen, um mal darzustellen, wie mich der Zettelkasten von Niklas Luhmann inspiriert hat und wie sich meine Herangehensweise über die Jahre auch geändert hat.

Als ich das erste Mal von Niklas Luhmanns Zettelkasten hörte, war ich wirklich begeistert und versuchte, möglichst genau nachzuvollziehen, wie Luhmann gearbeitet hat, um ihn dann zu kopieren. Erst mit der Zeit ist mir klar geworden, dass zentrale Elemente von ihm in erster Linie aus den Limitierungen der Papierform entstanden sind. Auf Papier lassen sich nun mal nicht einfach Hyperlinks setzen. Will man dennoch ein entsprechendes System, muss man einen Workaround finden. Aber der Reihe nach.

Was ist ein Zettelkasten?

Was ist der Zettelkasten? Das hier mal eben ausführlich zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Ich versuche es mal skizzenhaft. Entwickelt wurde er vom Soziologen Niklas Luhmann, der während seiner akademischen Karriere außergewöhnlich produktiv war. Das dürfte zum einen daran gelegen haben, dass er nicht ständig Forschungsprojekte bei der DFG oder irgendwelchen Ministerien beantragen musste, zu einem guten Teil aber auch am Zettelkasten.

Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von Notizen, die aufeinander verweisen können. Auf jeden Zettel kommt ein Gedanke, etwa ein spannendes Argument, das man in einem Text gelesen hat. Der Zettel bekommt dann eine Nummer, einfach bei 1 beginnend. Der nächste Zettel bekommt die 2, dann die 3 etc. So zumindest, wenn 1, 2 und 3 nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich nach einiger Zeit aber mal wieder etwas lese, das inhaltlich zu Zettel 1 passt, kann ich ihm schlecht die 2 geben, da die schon einem anderen Thema zugeordnet ist. Daher bekommt er z.B. die Bezeichnung 1a. Und ein Gedanke, der auf 1a folgt, die 1b. Und wenn ich 1a abzweigen möchte? 1a2. Auf diese Weise lässt sich ein Gedanke unendlich weiter verzweigen. Der Zettelkasten wächst nach innen und nach außen. Wie das verwendete Schema genau aussieht, kann sich jede:r selbst ausdenken, Hauptsache es ist konsistent.

Auf die Verbindungen kommt es an

Wichtiger als das Bezeichnungsschema ist aber, die Verbindung von Zetteln untereinander. Da jeder Zettel ja eine eindeutige Identifikationsnummer hat, kann man auch problemlos auf jeden Zettel verweisen. Hierfür schreibe ich unter den eigentlichen Notiztext die Zettelnummern, die inhaltlich relevant sein. Mit wachsendem Zettelkasten wird man nicht mehr alles abdecken können, Luhmann hatte z.B. ca. 90.000 Notizen. Aber das muss man auch gar nicht. Der Charme liegt darin, dass man mit einer einzigen Einstiegsnotiz zu ganz anderen Gedanken kommen kann, da die erste Notiz auf zwei oder drei andere verweist, die wiederum andere Verbindungen haben und so weiter.

Ein zweiter Verbindungsmechanismus sind Schlagworte. Hierfür schreibe ich einfach passende Schlagworte mit einem #-Zeichen unterhalb der Notizverweise und gebe auch den Textfiles die jeweiligen Schlagworte.

Als letztes – und das sollte man nie vergessen – kommt noch die Quellenangabe. Wo habe ich diesen Gedanken her? In der Regel ist das eine Literaturangabe, sprich Autor:in Jahr: Seitenzahl oder welches Zitationsformat ihr auch verwendet. Das bringt natürlich nur etwas, wenn man die Quelle auch in eine Literaturverwaltung einträgt, da man sonst ja irgendwann nicht mehr weiß, worauf sich die Referenz bezieht. Zum Thema Literaturverwaltungen habe ich ja im letzten Teil dieser Reihe etwas geschrieben.

Wie arbeite ich selbst?

Was habe ich von dieser Idee in die Praxis umgesetzt? In erster Linie das Prinzip, dass Notizen nicht in einem Vakuum leben, sondern miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Das Benennungsschema konnte ich hinter mir lassen, da moderne Notizen-Apps wie Obsidian, Logseq, oder Craft es ermöglichen, Notizen einfach mit ihrem Titel zu verlinken. Die eindeutigen Identifier des Zettelkasten kommen ja in erster Linie aus einer Zeit, in der man Hyperlinks auf Papier umsetzten wollte. In diesen modernen Apps aber werden unsichtbare Identifier ganz von allein erzeugt und verwaltet, d.h. auch geupdatet, wenn sich mal der Notiztitel ändert. Somit lassen sich Wissensnetzwerke weben, ohne dass man sich über die eindeutige Identifizierbarkeit und Adressierbarkeit von Notizen Gedanken machen muss.

Sicherlich spielen die Identifier auch noch insofern eine Rolle, als dass sie einer Notiz einen festen Ort im System zuweisen. 1a kommt nach 1, aber vor 2. Das hat sicherlich einen Nutzen, hat bei mir aber immer eine innere Abneigung ausgelöst, wirklich viel mit dem Zettelkasten zu arbeiten, da ich es irgendwie mühsam fand.

Jetzt setze ich auf eine Kombination aus [[pages]] und Einstiegsnotizen, auch unter dem Begriff Map of Content (MOC) bekannt. Dazu, sowie meiner generellen Organisation in Obsidian habe ich bereits einen ausführlichen Artikel geschrieben.

Der Zettelkasten war eine super Inspiration, um intensiv über die Organisation meines Wissens nachzudenken und seine Prinzipien sind auch immer noch gut bei mir zu erkennen. Nur die ganz orthodoxe Umsetzung hat sich für mich nicht als praktikabel erwiesen.

Ein Beispiel-Workflow

In erster Linie, dass man Wissen verschriftlichen und mit sich selbst in Beziehung setzen muss. Man muss daraus keine Wissenschaft machen, immerhin ist die eigentliche Arbeit wichtiger, als ein super ausgefeiltes Werkzeug zu haben (Werkzeug oder Prozess?).

Apps wie Loqseq, Obsidian, Roam Research etc. machen das extrem leicht, da sie über das Werkzeug des Backlinks eine fantastische Möglichkeit geschaffen haben, um Wissen in nicht gekannter Leichtigkeit zu verknüpfen und in Beziehung zu setzen.

Ein möglicher Workflow könnten dann sein, ein PDF mit Fachliteratur zu lesen und mit verschiedenen Farben zu markieren, um wichtige Passagen zu identifizieren. In einem zweiten Durchgang schreibt man dann thematisch orientierte Notizen (also nicht einfach nur von Seite 1 zum Ende) und greift dabei auch auf schon bestehende Notizen zurück. Man schaut, was man früher schon geschrieben hat, legt Verknüpfungen an und schreibt vielleicht auch Meta-Notizen, die Widersprüche, Gemeinsamkeiten oder Fragen adressieren, die sich aus der Zusammenschau der alten und neuen Notizen ergeben.

Wer so arbeitet und auch die Kontinuität wahrt, wird mit Klausuren oder Seminararbeiten am Ende des Semesters keine Problemen mehr haben. Der Schlüssel ist, nicht alles in vier bis sechs Wochen Lernphase quetschen zu wollen, sondern kontinuierlich und inhaltlich motiviert am eigenen Wissensschatz zu arbeiten.


Artikel in dieser Reihe:

Welches Gerät?
Vorlesungsskripte sinnvoll nutzen
Wie kann ich sinnvoll Literatur erfassen und verwalten?
Wissensaneignung mit dem Zettelkasten
Kein Backup, kein Mitleid
Deadline-Panik vermeiden mit Zeitmanagement

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Artikelserie, fand ich sehr hilfreich!
    Ich bin gerade noch etwas am umschauen, was es so an Software für Wissensmanagement gibt und was davon sich für mich als hilfreich erweisen könnte. Bin dabei auch über das Zettelkastensystem und darüber unter anderem auf “Auratikum” gestoßen. Wirkte auf den ersten Blick nicht schlecht, allerdings habe ich zu der App, im Gegensatz zu vielen anderen Programmen, überhaupt nichts an Rezensionen/Erfahrungsberichten/Vergleichen zu anderen Systemen gefunden, was mich etwas stutzig macht. Hast du da zufällig was an Informationen dazu, ob das was taugt oder nicht?

    1. Hi, danke fürs Lob. Freut mich! Auratikum hab ich in der Tat auch noch nie gehört. Sieht auf den ersten Blick interessant aus, also danke für den Hinweis. Bin aber ein bisschen skeptisch, da es ein Abo-Modell ist. Bei Apps, die potenziell super wichtig in meinem Workflow sind, hab ich’s lieber wenn ich sie kaufe und dann habe und ggf. bei einem großen Update erneut zahle.

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