Selbstexperiment: 10-Finger-Schreiben lernen

Unser Autor Sebastian Kunze schreibt viel. Sehr viel. Das Problem: Es dauert zu lange. Und dann diese verdammten Vertipper. Zeit für ein Experiment! Kann man 10-Finger-Schreiben lernen, wenn man nur ein wenig Zeit und die richtigen Tools einsetzt?

Ich habe als Jugendlicher das 10-Finger-Schreiben gelernt. Das war in der Schule. Auf einer Schreibmaschine. Ich habe damals mäßig abgeschnitten und habe mir dann vor allem im Studium ein mehr oder weniger effektives eigenes System angeeignet. Ich schrieb irgendwie mit vielleicht 5 bis sieben Fingern. Besonders schnell oder gut ließ sich damit aber nicht schreiben. Aber ich kam zurecht. Als ich dann vor kurzen noch ein Buch gelesen habe, das mir versprach, schnell und effektiv neue Skills lernen zu können, dachte ich mir: Das teste ich gleich mal mit dem 10-Finger-Tippen. Ich schaute also nochmal in das Buch und vergewisserte mich, dass ich die grundlegenden Regeln verstanden hatte. 

Josh Kaufmann und die 10.000-Stunden-Regel

Das Buch, dass ich las, hieß: The first 20 hours. How to learn anything… fast*. Der Autor, Josh Kaufmann, stellt darin ein System vor, mit dem man sich sehr schnell etwas aneignen kann. 

Kaufmann setzt sich explizit von der sogenannten 10.000 Stunden Regel ab, die besonders in Selbstoptimierungskreisen kursiert. Laut Studien benötige man 10.000 Stunden Übung, um etwas auf Weltklasse-Niveau zu können. Die Daten basierten auf Berechnungen, die an Hand von Weltklasse-Expert:innen erhoben wurden. Kaufmann argumentiert nun, dass es uns in der Regel nicht darum geht, etwas auf diesem Level zu können. Es muss nur ausreichend gut sein, um klarzukommen. Man könnte hier wieder an die in Selbstoptimierungskreisen heißgeliebte Pareto-Formel denken. Sie besagt, dass in 20% der Zeit 80 % unserer Arbeit getan werden kann. Sofern man sich diszipliniert und hart arbeitet. Die kritische Analyse dieser Idee wäre aber ein Thema für einen anderen Beitrag.

Kaufmanns 20-Stunden-Prinzip

Damit hat er recht. Und nachdem ich sein Buch gelesen habe, dachte ich mir: Das klingt einleuchtend und überzeugend genug, um es zu testen.

Kaufmann präsentiert einen Zehnpunkte-Plan für das schnelle Lernen und erläutert ihn. Die zehn Punkte sind:

  • „1. Chose a lovable project.
  • 2. Focus your energy on one skill at a time.
  • 3. Define your target performance level.
  • 4. Deconstruct the skill into subskills
  • 5. Obtain critical tools.
  • 6. Eliminate barriers to practice.
  • 7. Make dedicated time for practice.
  • 8. Create fast feedback loops.
  • 9. Practice by the clock in short bursts.
  • 10. Emphasize quantity and speed.“

Wichtig ist eine gute Vorbereitung und dann das einfache Prinzip „Einfach-dran-bleiben“ und üben. Jeden Tag, immer wieder in ca. 30 Minuten-Abschnitten. Wenn möglich 1-1,5h täglich. Dann soll man in knapp 20 Stunden ein vorher definiertes recht gutes Ergebnis erhalten.

Nach der kurzen Rekapitulation war es aber an der Zeit, das angepriesene System zu testen.

Meine Erfahrung mit dem 10-Finger-Schreiben

Ich wollte also meine Fähigkeiten im Schreiben am Computer verbessern, denn besonders die vielen Verschreiber gingen mir auf die Nerven. Für meinen Blog und besonders für die Dissertation wollte ich damit auch mehr schaffen. Also machte ich mich an die Arbeit.

Beim 10-Finger-Schreiben dachte ich mir, geht es vor allem ums Üben. Ich recherchierte also etwas. Am Ende hatte ich die Wahl zwischen Tipp10.com und typista.de. Auf beiden Seiten kann man systematisch das 10-Finger-Schreiben lernen. Ich entschied mich am Ende für typista.de, die Seite gefiel mir gut. Sie war schlank und clean, sprach mit ästhetisch also an und dann gefiel es mir am Anfang, dass mir gezeigt wurde, welche Finger ich nutzen sollte, wenn ich mich mal vertippt habe.

Nachdem ich das geklärt hatte, ermittelte ich meinen Startwert anhand eines Schreibtestes. Den habe ich ein paar Mal wiederholt und einen Mittelwert gebildet. Dazu habe ich 10-Fast-Fingers.com benutzt. Mein Ergebnis war okay: ungefähr 70 Wörter pro Minute mit 80 % Richtigkeit.

Dann setzte ich mir ein Ziel, dass ich recht ambitioniert fasste. Ich wollte zwischen 60 und 80 Wörtern pro Minute bei 95 % Richtigkeit erreichen. Mit meinem Ziel vor Augen ging es dann los.

Meine Erfahrungen mit typista.de

Über typista.de findet man nicht allzu viel heraus. Es gibt im Blogroll einige wenige Einträge aus dem Jahr 2016 rund um die Schreibtechnik. Dann startete 2019 die Betaversion des Schreibtrainers. Diese habe ich 2021 auch noch benutzt. Es ist also ein kleines selbstentwickeltes Programm. Ich habe mich angemeldet, damit mein Lern-Fortschritt auf jeden Fall gespeichert ist und ich nicht auf die Cookies meines Browsers angewiesen bin.

Das Üben an sich ist kinderleicht. Man klickt Training starten bzw. Training fortsetzen und tippt dann die angezeigten Begriffe nach. Man beginnt auf der Grundreihe, also mit den Buchstaben asdfghjklöä, wobei die häufigsten Buchstaben am meisten geübt werden. Es fängt also mit 4 Buchstaben an. Ganz klein. Vertippt man sich, zeigt eine kleine Grafik, mit welchem Finger man welche Taste drücken sollte.  

Das hilft. Für gute Fortschritte sollte man sich tatsächlich einen Zeitplan machen und sich dann ganz dem Programm unterwerfen. 

Ich denke Kontinuität ist das Stichwort. Oder wie Kaufmann es nennen würde: “emphasize quantity and speed”. Am Anfang habe ich aber leider eher sporadisch geübt: mal 25 Minuten, mal 40 oder auch mal zwei Tage gar nicht. Das ging gute 4 Wochen so und war in der Tat relativ frustrierend. Ich habe mir nicht genug Zeit genommen. Dann aber hatte ich ein Motivationsschub und habe es geschafft, für die nächsten 6 Wochen fast jeden Tag ungefähr 45 Minuten zu üben. 

An die 20-Stunden-Regel habe ich irgendwann nicht mehr gedacht, da mir typista einen Lern-Fortschritt angezeigt hat und ich mich daran orientiert habe. 

Als ich mein Projekt vorerst beendet habe, zählte ich die notierten Zeiten zusammen. Insgesamt kam ich auf gute 35 Stunden Üben. Ich war also etwas drüber. Aber das machte mir nichts.

Bevor ich jedoch zu meinen Ergebnissen komme noch eine kleine Kritik:

typista fand ich großartig. Doch manchmal lenkte mich die angezeigte Grafik ab. Sofort wenn ich mich vertippt habe, wurde angezeigt, welchen Finger ich nun nutzen sollte. Deshalb habe ich teilweise versucht, nur die Worte zu lesen, die zu tippen sind und dann blind zu schreiben. Ich glaube, das Blindschreiben hat geholfen, nicht immer auf die Finger zu schauen, dadurch wurde ich durch die Grafik immer wieder animiert.

Ein weiteres Problem ist, dass man nicht übt, große Buchstaben zu schreiben, also die Shifttaste zu nutzen und auch Zahlen werden nicht in das Programm integriert. Das sind gewichtige Mankos. Ich habe dies zwar immer wieder selber geübt und daher habe ich vor allem mit dem Großschreiben wenig Probleme, aber es sollte in meinen Augen integriert werden. Vielleicht kommt das ja beides dann in die endgültige Version des Programms.

Mit meinen Ergebnissen war ich am Ende dann trotzdem zufrieden: Nachdem ich nun wieder mehrere Tests absolviert habe, kam ich zu einem Durchschnitt von 80-85 Wörter pro Minute mit einer durchschnittlichen Richtigkeit von 90%.

Mein Fazit

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass ich mit gezieltem Üben meine Leistung beim 10-Finger-Schreiben deutlich gesteigert habe. 

Ich bin sehr zufrieden und sehe es auch ein wenig als Erfolg der Methode von Josh Kaufmann, auch wenn ich mich erst schleppend an die Kontinuität und Quantität gemacht habe.

Diese Art von Übungen lassen sich gut in den Tag integrieren, indem man immer mal wieder über den Tag verteilt für knapp 30 Minuten eine Schreibübung macht. Zwei bis dreimal am Tag und dann geht es tatsächlich recht schnell. 

Auch mit Typista bin ich zufrieden; trotz der angesprochenen Probleme. Ich überlege demnächst eventuell noch einmal gezielt mit dem System zu lernen, dann aber mit tipp10, da habe ich ein vielversprechendes Video zu gesehen.

Kaufmanns System interessiert mich noch immer sehr. Für diesen Artikel bin ich meine Notizen zum Buch durchgegangen und habe es somit noch einmal rekapituliert. Damit war ich wieder etwas motiviert. Ich bringe mir mit diesem System gerade das Zeichnen bei, um später Skizzen von urbanen Szenen und ruralen Landschaften machen zu können. Dann steht auf meinem Zettel noch: Hebräisch aufbessern, Arabisch etwas entmotten und vielleicht auch noch coden lernen. Aber schön eins nach dem anderen.

Weitere Artikel von Sebastian Kunze:

Katja Günther: Selbstcoaching in der Wissenschaft. Wie das Schreiben gelingt

Apples M1 MacBook – DER Laptop für die Uni?

OneNote in Studium und Lehre 👥


Links, die mit einem Stern * gekennzeichnet sind, sind Affiliate-Links. Bei einem Kauf profitiere ich durch eine kleine Provision, ohne dass das Produkt für euch teurer wird. Somit ist es eine wunderbare Möglichkeit, meine Arbeit zu unterstützen.

Titelbild: © Typista.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.