Readwise – Mein neuer Informations-Hub?

Digitale Texte können in allen möglichen Apps rumliegen. Interessante Passagen dort raus zu bekommen, um damit z.B. Notizen zu schreiben, kann ziemlich nervig und kleinteilig sein. Readwise will hier das fehlende Teil in der Mitte sein und Highlights aus Kindle oder Apple Büchern, PDF, Artikeln auf Websites oder sogar Podcasts an einem Ort bündeln. Ich habe mir das mal angeschaut.

Das Problem mit digitalen Texten

Ich lese auf viele verschiedene Arten digitale Texte. Da sind zum einen RSS-Feeds, die ich statt Social Media nutze, um spannende Artikel zu lesen. Oftmals habe ich aber in dem Moment gar nicht die Zeit, um einen Artikel zu lesen und speichere ihn in Instapaper zum später lesen ab. Dann sind da natürlich eBooks. Klar, ich lese auch viele „echte“ Bücher. Trotzdem sind in den letzten zehn Jahren eBooks ein fester Bestandteil meines Leseprozesses geworden. Und diese kaufe ich, wo immer ich sie gerade am günstigsten bekomme. In der Regel ist das Amazon, der Apple Books Store oder – im Falle von Indie-Autor*innen – auch einfach die Website der Person.
Ich lese also Dinge an allen möglichen Ecken des Internets und natürlich möchte ich damit auch was anfangen. Wenn ich einen Text nur lese, ist das zwar vielleicht ganz nett für den Moment, langfristig aber nicht sehr hilfreich. Ich habe zwar oft auch nach Monaten noch ein Gefühl für einen Text und eine ungefähre Ahnung, was drin stand, Argumentationen oder Details bekomme ich aber ganz sicher nicht mehr zusammen. Ich muss also dafür sorgen, dass ich Texte nicht nur lese, sondern auch weiter verarbeite.

Der erste Schritt ist dabei für mich immer das Markieren interessanter Textstellen. Gerade mit digitalen Texten geht das ja auch ganz hervorragend. Es gibt nur ein Problem, wenn man Inhalte an vielen verschiedenen Orten liest: jeder Service, jede App hat ein eigenes System, um Highlights zu exportieren. Und automatisiert ist da in der Regel schon mal gar nichts. Ich müsste also ständig in irgendwelchen Apps oder Webinterfaces rumturnen, wenn ich an meine Highlights kommen möchte. Nicht gerade ein Workflow, den man als intuitiv und unkompliziert bezeichnen würde. Und damit sinkt natürlich auch die Chance, dass man es überhaupt macht.

An diese Stelle kommt Readwise ins Spiel. Readwise ist ein Webservice, der das eben beschriebene Problem lösen will. Man kann Readwise mit anderen Services verbinden und gewährt Readwise dann Zugriff auf den jeweiligen Service. Readwise kümmert sich dann darum, Highlights zu importieren. Ein einfaches Beispiel ist Instapaper. Fast alle Artikel, die ich interessant finde, landen zunächst mal in Instapaper. Dort lese ich sie dann und markiere Passagen. Readwise importiert sie dann automatisch, sodass ich das nicht selbst machen muss. Genau so habe ich aber auch meine Apple Books und Kindle Bibliothek angebunden, sodass Readwise auch Highlights aus Büchern importieren kann, die ich dort habe. Statt also für drei Services und jeden Artikel oder jedes Buch selbst die wichtigsten Stellen zu exportieren, erledigt Readwise das für mich automatisch.

Importmöglichkeiten so weit das Auge reicht

So weit, so gut. Was aber, wenn ich keinen dieser drei Anbieter nutze? Dann besteht zumindest eine ziemlich gute Chance, dass Readwise dennoch weiterhelfen kann. Wenn mich eins an Readwise beeindruckt, dann an wie vielen Implementationen sie arbeiten bzw. wie viele schon mit an Bord sind. Neben Apple Books, Kindle und Instapaper, sind das aktuell Pocket, Twitter, Medium, Feedly und Hypothes.is, Google Play Books und O’Reilly Learning sowie der Browser Command, der auf das intensive Arbeiten mit Texten spezialisiert ist.

Das sind aber nur die Websites, von denen Highlights direkt importiert werden. Darüber hinaus gibt es noch eine Unmenge anderer Möglichkeiten, Gelesenes nach Readwise zu importieren. Man kann beispielsweise seinen Kindle per USB anschließen, um die Datei mit allen Markierungen direkt auslesen und importieren zu lassen. Oder per Mail an Readwise schicken lassen. Ein weiterer Weg ist der Upload einer CSV-Datei (also von Excel). Auch für die (Audio-)Buchflatrate Scribd gibt es einen Workaround, um trotz fehlender API Highlights importieren zu können.

Aber das ist noch nicht alles. Aktuell ist ein Feature in der Beta-Phase, mit dem sich PDFs hochladen lassen, sodass auch Markierungen und Kommentare in PDFs importiert werden könnten. Bitte nicht falsch verstehen: die Services, die ich weiter oben aufgezählt habe, sind super und es ist eine beeindruckende Bandbreite. PDFs wären aber ein echter Gamechanger. PDF ist das Rückgrat der Wissenschaft, alle aktuellen Paper und Texte erscheinen (auch) als PDF und wenn ich durch Readwise einen Service hätte, mit dem ich meine Anmerkungen und Kommentare aus PDFs exportieren und bündeln könnte, wäre das eine fantastische Hilfe. Aktuell läuft es so, dass man das PDF an die Adresse [email protected] schicken muss. Natürlich mit der Mailadresse, die man auch in seinem Account verwendet, damit Readwise das PDF dem richtigen Account zuordnen kann.

Echte Bücher im Regal? Kein Problem

Aber auch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Es ist auch möglich, Text entweder selbst per Copy & Paste hinzuzufügen oder aber ein Bild von einer Stelle in einem gedruckten Buch zu machen und dieses dann hochzuladen. In Readwise lässt sich dann eine Stelle markieren, die per OCR in Maschinenschrift umgewandelt wird. Ich habe das bisher nur ein Mal ausprobiert, da funktionierte es aber ganz hervorragend, vor allem weil ich auch gleich noch das korrekte Buch aus einer Datenbank zuordnen konnte.

Das ist jetzt aber alles, oder? Oder?? Nein. Es gibt nämlich noch die Goodreads-Integration, Supplemental Books und Airr. Goodreads ist ein soziales Netzwerk für Bücher. Man kann dort Listen anlegen, was man schon gelesen hat und was man noch lesen möchte, Bücher bewerten, Rezensionen schreiben und noch vieles mehr (Wer sehen möchte, was ich so lese, kann das auf meinen Goodreads-Profil tun.) Darüber hinaus bietet Goodreads aber auch an, populäre Highlights für ein Buch anzuzeigen. Man sieht dann, welche Buchstellen andere besonders interessant fanden. Das ist jetzt nicht unbedingt nützlich, wenn man strikt nur eigene Gedanken sammeln möchte. Es kann aber sehr hilfreich sein, wenn man Inspiration sucht oder einfach neugierig ist, was andere an einem Buch bemerkenswert fanden.

Supplemental Books macht etwas ganz ähliches und zeigt populäre Highlights aus Büchern, die man gelesen hat. Woher Readwise hier die Highlights bezieht, ist mir nicht ganz klar. Eventuell aus seiner eigenen Datenbank, sprich Highlights, die andere Nutzer*innen importiert haben. Eine der spannendsten Integrationen ist aber Airr. Airr ist ein Podcast-Player, mit dem man kurze Abschnitte eines Podcasts clippen kann. Außerdem ist es aber auch möglich, einen Podcasts automatisiert transkribieren zu lassen, um dann Teile des Transkripts an Readwise zu schicken. So lassen sich dann auch Podcasts in einen Text-Workflow einbauen. Podcasts können zu einer Quelle wie Webseiten, PDFs oder Büchern werden1.

Highlights organisieren mit Tags

Es mangelt also schon mal nicht an Wegen, Content nach Readwise zu importieren. Wie sieht es aber mit der Organisation und Verwaltung aus? Es nutzt mir ja wenig, wenn ich alle Inhalte dieser Welt habe, aber nicht sinnvoll damit arbeiten kann.


Readwise setzt hier in erster Linie auf eine Einteilung nach Medienart und Tags. Zugleich wird deutlich, dass der Fokus nicht darauf liegt, direkt in Readwise zu arbeiten. Dafür sind die Organisationsmöglichkeiten zu wenig elaboriert. Ich habe als Nutzer*in nämlich keine Möglichkeit, Highlights nach einem eigenen Schema zu organisieren. Die vorgegebenen Möglichkeiten sind Bücher, Supplemental Books, Artikel, Podcasts, Tags, Favoriten, verworfene Highlights und Highlights, die man ganz besonders wichtig findet und über die Mastery-Funktion lernen möchte. Die Organisationsmöglichkeiten sind also eher dafür gedacht, ein bisschen zu browsen, oder ab und zu nach etwas zu suchen, nicht so sehr um ein komplexes System zu implementieren.

Lernen mit Mastery und Spaced Repition

Readwise ist aber nicht nur ein Zwischenschritt für die eigentliche Arbeit. Es kann nämlich auch dafür genutzt werden, Inhalte zu lernen. Dafür gibt es die eben schon genannte Mastery-Funktion. Damit wird es möglich, Highlights mit der Spaced Repition Methode zu lernen. Um das zu tun, muss man nur auf den Mastery-Button klicken, den jede Highlights-Karte hat und dann das Wort oder die Worte auswählen, die man lernen möchte, z.B. weil es sich um eine Definition handelt. Beim nächsten Lern-Durchgang sind die ausgewählten Worte dann nicht sichtbar. Allerdings konnte ich immer nur maximal fünf Wörter unsichtbar machen, sodass es nicht gut geeignet ist, um z.B. eine komplette Definition auszublenden.

Zum Glück gibt es noch eine zweite Möglichkeit, mit Textstellen zu arbeiten. Man kann nämlich auch eine Karteikarte erstellen, indem man eine beliebige Frage aufschreibt und dann die Textstelle oder ein Teil davon als Antort angibt. So lassen sich dann auch längere Passagen gut lernen.

Tägliche Hightlights: Gimmick oder echter Mehrwert?

Eher unter die Rubrik „Nettes Gimmick“ fällt für mich die tägliche Mail mit Highlights. Der Gedanke ist, dass man jeden Tag zu einer festgelegten Uhrzeit eine Mail von Readwise bekommen kann, die fünf Highlights aus dem bestehenden Repertoire enthält. Dazu kann man ein sechstes Highlight aus einem Buch bekommen, dass man nicht gelesen hat, das Readwise aber aufgrund der eigenen Bibliothek für passend hält. Für jedes Highlight kann man dann festlegen, ob man es weiterhin oder nicht mehr sehen möchte. Außerdem kann man sie zu den zu lernenenden Highlights hinzufügen und Tags verteilen. In den Einstellungen lässt sich die Frequenz verändern, mit der bestimmte Quellen gezeigt werden. Ebenso lässt sich einstellen, ob eher neu hinzugefügte Inhalte oder ältere angezeigt werden sollen.

Eine Highlight-Karte mit verschiedenen Optionen

Für mich ist das ein nettes Ritual am Morgen, das aber keinen zu großen Wert hat. Ich habe eingestellt, dass die Mail jeden Morgen um 7 an mich verschickt wird, sodass ich beim Morgenkaffee den täglichen Durchlauf machen kann. ich stolpere dann tatasächlich öfters mal über interessante Passagen aus Büchern oder Artikeln. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass Readwise hier noch ein bisschen finetunen muss, da ich ziemlich oft die selben Bücher oder Artikel bekomme, wohingegen manch andere aus meiner Bibliothek noch überhaupt nicht vorkamen. Vielleicht muss ich da noch mal mit den Einstellungen experimentieren.

Export zu Evernote, Roam und Notion

Wenn aber nun Readwise selbst nicht so gut geeignet ist, um Textstellen zu organisieren, braucht es einen Ausgang. Readwise ist dann der Mittler, der meine Highlights aus allen möglichen Quellen zusammenträgt, aber nicht der Ort, an dem produktive Arbeit mit diesem Text passiert. Genau für diesen Zweck hat Readwise seine Export-Funktion. Automatisch klappt das aktuell für Evernote, Notion und Roam Research und damit drei der größten Player in diesem Bereich. Manuell kann man zudem CSV und Markdown-Files exportieren.

Markdown Export ist zum Glück möglich

Kann das was? Braucht man das?

Wie bewerte ich Readwise? Ist das nützlich oder nur ein weiteres Abo, das man zu wenig nutzt? In erster Linie finde ich die Idee hinter Readwise faszinierend, die ein echtes Problem angeht. Wer viel mit digitalen Texten arbeitet, hat einfach oft das Problem, damit auch produktiv weiter zu arbeiten. Markieren ist das eine. Daraus abrufbares Wissen zu generieren oder nützliche Texte zu schreiben, ist etwas ganz anderes. Hinzu kommt, dass gerade die großen Plattformen wie Amazon Kindle oder Apple Books diesen zweiten Schritt oft nicht besonders leicht oder intuitiv machen. Readwise kann hier eine entscheidende Rolle spielen.
Allerdings merkt man auch, dass der Service noch in den Kinderschuhen steckt. Das Webinterface braucht oft etwas länger, um zu laden und der Algorithmus zum Hervorholen von Highlights braucht auch noch Überarbeitung. Auf der anderen Seite finde ich die Anzahl schon bestehender Integrationen ziemlich beeindruckend und ich gehe davon aus, dass in der Zukunft weitere hinzukommen. Sollte zudem der PDF-Import aus der Beta-Phase als verlässliches Feature hervorgehen, würde das die Nützlichkeit gerade für Wissenschaftler*innen und Student*innen potenzieren.

Bildungsrabatt und doppelter Testzeitraum

Aktuell kostet Readwise ohne Bildungsrabatt 4,49$ pro Monat in der Lite-Variante und 7,99$ in der Pro-Version. Ich tendiere dabei zu der Meinung, dass die Lite-Version nicht ausreichend ist. Viele der spannenden Funktionen (Tags und Notes, Export nach Evernote und Notion, Mastery) sind nur in der Pro-Version inbegriffen. Eine vollständige Übersicht findet sich hier. Das Gute ist aber, dass Readwise einen durchaus großzügigen Bildungsrabatt von 50% anbietet. So wie ich die Website verstehe, muss man nur irgendwas mit einer Hochschule zu tun haben. Dort studieren, arbeiten, noch einen Mailadresse übrig haben. Eine Mail an [email protected] scheint zu reichen.

Wer sich das ganze mal selbst anschauen möchte, kann das über diesen Link hier tun. Wer sich darüber registriert bekommt selbst einen extra Monat Testzeitraum (60 statt der normalen 30 Tage) und spendiert mir auch einen Monat zum testen. Fair, oder?


1 Airr ist jedoch noch am Anfang seiner Entwicklung und das merkt man. Es fehlen einfach noch viele Features, die man von einem Podcast-Player erwarten würde. Auch in Sachen Bugs und Stabilität ist noch viel Luft nach oben. Dennoch ist Airr jetzt schon ein super spannenes Projekt, das ich im Auge behalte.

Photo by Ishant Mishra on Unsplash

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