Mann mit weißem Shirt, der ein Macbook nutzt und verzweifelt ist

Werkzeug oder Prozess?

Videos und Blogposts über „Produktivitätssysteme“ haben Konjunktur. Das ist verständlich, gaukeln sie doch eine Abkürzung zu höherer Produktivität vor. Was aber zählt, ist etwas anderes.

Ich bin vor einiger Zeit über dieses Video gestolpert1. In diesem Video stellt August Bradley, Fotograf, sein „Notion Life Operating System“ vor. Klingt beeindruckend. Ist es auch. Jede*r, der oder die etwas für Apps und Workflows übrig hat, wird zumindest beeindruckt sein. Vielleicht auch begeistert. Gleichzeitig haben Videos dieser Art oft extrem hohe Klickzahlen. Auch ich schaue mir so etwas gern mal an. Wieso?

Ich denke, dass das an einem angenehmen Missverständnis liegt. Oftmals erscheint es so, als ob allein die Nutzung eines bestimmten Werkzeugs der Schlüssel sein kann, um ein gestecktes Ziel zu erreichen – hohe Produktivität zum Beispiel. Auf der Suche nach Verbesserungspotential der eigenen Arbeitsabläufe, stoßen wir dann bereitwillig auf Videos, Blogposts oder Podcasts, die Produktivität zum Gegenstand haben. In der Regel kommen diese Beiträge von Personen, die schon extrem produktiv und/oder erfolgreich sind. Dort sehen, hören oder lesen wir dann über die heiligen Grale der Produktivität. Systeme mit toll klingenden Namen. Workflows, die beeindrucken. Apps, die alles besser machen. Und da sie von Personen vorgetragen werden, die offensichtlich schon einiges erreicht haben, ist auch die Glaubwürdigkeit gegeben.

Das Problem dabei ist aber, dass wir den wichtigsten Punkt meist übersehen: nicht das Werkzeug ist entscheidend, der Prozess ist es. Mit anderen Worten – die Arbeit, die man reinsteckt. Das lässt sich aber natürlich viel schlechter in einem Video zeigen. Wer will schon dabei zusehen, wie man am Schreibtisch sitzt und fast verzweifelt, weil man sich seit zwei Stunden durch dieses furchtbar komplizierte Paper arbeitet? Wie soll ein Blogpost aussehen, der meinen Schreibprozess angemessen wiedergibt? Dieser Text hier ist ein gutes Beispiel. Ich wollte eigentlich etwas über Cal Newports Konzept Deep Work schreiben und werde das wohl auch noch irgendwann tun – in den letzten Tagen hatte ich aber nicht das Gefühl, etwas eigenes zu diesem Thema beitragen zu können. Ein paar Tage war ich dann unschlüssig, ob ich überhaupt einen Artikel schreibe, der mal wieder ein paar grundlegende Gedanken meinerseits über das Arbeiten zum Gegenstand hat. Oder ob ich nicht einfach einen „leichten“ Artikel schreibe. Meine Liste mit potentiellen Blogposts ist lang, Apps gibt es viele. Ich habe mich dann doch für diese Art Artikel entschieden, musste mich aber ein Stück weit quälen, mehr als nur einen Abschnitt mehrfach beginnen.

Was ist entscheidend?

Aber natürlich kann und will ich nicht für jeden meiner Artikel eine kommentierte Version liefern, um aufzuzeigen, wie viel nicht geklappt hat oder an welchen Punkten mir das Schreiben nicht leicht fiel. Erstens wäre das ziemlich ermüdend und zweitens wollen die meisten Menschen ja Lösungen lesen und nicht Probleme. Und das ist auch richtig so.

Das Problem ist nur, dass Menschen wie August Bradley nicht in erster Linie auf Grund des Werkzeugs Erfolg haben, sondern wegen der dahinter liegenden Prozesse und der Zeit, die sie investiert haben, um diese zu entwickeln. Wer viele Stunden aufwendet, um ein Werkzeug wie Notion oder Obsidian zu meistern, hat einfach sehr viel Arbeit investiert und nutzt möglicherweise auch sonst in seinem oder ihrem Leben grundlegende Strategien, um produktiv zu sein.

Vor kurzem habe ich hier über Obsidian geschrieben und ich bin absolut davon überzeugt, dass es ein tolles Werkzeug ist, das mich produktiver macht. Aber ist es entscheidend? Nein. Entscheidend ist, dass ich mich beim Lesen von Fachliteratur durchringe, Notizen zu machen und mich dann nochmals durchringe, diese flüchtigen Notizen in dauerhafte umzuwandeln. Obsidian erleichtert vieles und gibt mir neue Möglichkeiten. Das wäre aber alles nichts wert, wenn ich nicht die Arbeit an sich machen würde.

Reflexion als ein grundlegender Prozess

Was sind denn aber solche grundlegenden Strategien, die erfolgreiches Arbeiten grundieren? Was machen sehr produktive Menschen anders als die meisten anderen? Das ist natürlich eine viel zu große und Frage, um sie hier zu beantworten. Eine dieser Strategien, die mir besonders wichtig zu sein scheint, ist Reflexion. Ich meine damit die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit. Für mich persönlich gibt es vermutlich keine Strategie, die wichtiger war und ist, als kontinuierliches Reflektieren. Das kann ganz unscheinbar daherkommen wie ein kurzes Abchecken am Abend, wie zufrieden ich mit verschiedenen Aspekten meines Lebens an diesem Tag war. Oder es kann ein ganzer Tag sein, den ich mir vielleicht ein Mal im halben Jahr nehme, um die vergangenen 6 Monate Revue passieren zu lassen und mir neue Ziele zu setzen.

Letztendlich ist es wichtig, dass ich mir die Zeit nehme, um zu relfektieren. Welches Tool ich dafür nutze, ist zweitrangig.

Wie seht ihr das? Wie groß ist der Unterschied, den das richtige Werkzeug machen kann? Sind Strategien bzw. Prozesse wichtiger? Wie sehen grundlegende Strategien aus, die ihr euch über die Jahre angeeignet habt? Ich würde mich freuen, entweder in den Kommentaren oder per Mail mit anderen dazu ins Gespräch zu kommen.

Ein interessanter Podcast (wenngleich auf Englisch) im Geiste dieses Blogposts ist übrigens Process von Justin DiRose. Ich habe den Eindruck, dass DiRose sich ähnliche Fragen stellt, wie sie hier aufgeworfen wurden. Natürlich geht es auch um vieles darüber hinaus sowie klassische Themen im Spannungsfeld von Produktivität und Digitalisierung. Seine unaufgeregte und, Achtung, reflektierte Art gefällt mir aber sehr gut. Und bei einer Episodendauer von 10 bis 15 Minuten kann man auch wenig falsch machen.

1 Und damit zusammen diese Diskussion im MPU-Forum.


Photo by Tim Gouw on Unsplash

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