Bibliotheken in digitalen Zeiten

Bibliotheken haben sich gewandelt. Sie sind im digitalen Zeitalter angekommen und stellen eine Vielzahl an Büchern und anderen Medien zur Verfügung. Was für eine unterschätze Ressource!

Viele von uns haben aktuell mehr Zeit als sonst. Auch wenn die Arbeit möglicherweise nicht weniger geworden ist, können wir aktuell viele liebgewonnene Freizeitaktivitäten nicht nutzen. Freund*innen treffen zum Beispiel oder auf Konzerte gehen. Ein Gutes hat das aber dennoch: Es bleibt endlich mal mehr Zeit zum Lesen.

Doch kann das auch schnell ins Geld gehen und manchmal kauft man sich ein Buch voller Erwartungen und wird dann bitter enttäuscht. Wie gut, dass es ein System gibt, das mehr Bücher hat, als du je lesen kannst und diese auch noch kostenlos zur Verfügung stellt. Von einer kleinen Jahresgebühr mal abgesehen: die Bibliotheken!

Ich muss gestehen, dass ich Bibliotheken lange ignoriert habe. Ich war wohl noch zu vorgeschädigt von der kleinen Dorfbibliothek in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Als ich vor einem halben Jahr zufällig mal wieder geschaut habe, was sich mittlerweile so getan hat, hat es mich von den Socken gehauen. Für gerade mal 10€ im Jahr kann ich hier in Berlin die Bibliotheken nutzen und bekomme dafür neben normalen physischen Büchern auch Zugriff auf eBooks, Audio Books, Zeitungen, Magazine, Filme, Musikstreaming und vieles mehr. Ich will mich an dieser Stelle mal auf eBooks beschränken. Ich kann auch nur für den VÖBB sprechen, den Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlins. Ich denke aber, dass es in anderen Bundesländern ähnlich aussieht.

Die Schöne und das Biest: Libby und Onleihe

Das Prinzip bei eBooks ist ganz einfach: Wie bei physischen Büchern gibt es ein gewisses Kontingent an Kopien, welches die Bibliotheken vorrätig halten. Sind alle ausgeliehen, muss man sich auf eine Warteliste setzen. Natürlich könnte man digitale Güter eigentlich unendlich oft kopieren. Allerdings würden dann die Verlage und Autor*innen nicht mehr mitmachen, da sie dann ja viel weniger verdienen würden. Man muss also damit rechnen, nicht jedes Buch sofort bekommen zu können.

Hat man es aber geschafft und leiht ein Buch aus, so geschieht das über eine von zwei Apps: Onleihe und Libby. Mit Onleihe findet man vor allem deutschsprachige Bücher, Libby ist für englische Literatur. Wieso das so ist, weiß ich nicht. Ich tippe darauf, dass Onleihe und Libby Apps von größeren Rechteanbietern sind, die jeweils ein gewisses Repertoire an Büchern anbieten und der VÖBB bzw. die Bibliotheken nur einen Vertrag mit diesem Rechteanbieter haben. Deswegen kann es dann auch nicht eine App für alles geben. So zumindest meine Hypothese.

Libby ist eine wundervoll gestaltete App, die kommerziellen Anbietern in nichts nachsteht

Wie dem auch sei, es ist sehr schade, dass ich Libby nicht für alle Bücher nutzen kann, da die App so unfassbar viel besser als Onleihe ist, dass es schon nicht mehr lustig ist. Libby ist fantastisch! Absolut solide in der Benutzung und Synchronisation, tolles Design, Anpassungsmöglichkeiten, ein moderner Reader usw. Eine rundum gelungene App.

Auch die Leseerfahrung ist hervorragend

Onleihe dahingehend ist einfach furchtbar. Ich könnte ja darüber hinwegsehen, dass die App wenig Funktionen hat, ziemlich hässlich aussieht und nicht einmal den Lesefortschritt über mehrere Geräte hinweg synchronisieren kann. Aber dass sie regelmäßig abstürzt, Bücher nicht herunterlädt, blank screens anzeigt und weitere Kernfunktionalitäten nicht fehlerfrei hinbekommt, ist ein Armutszeugnis. Ich bin deshalb dazu übergegangen, Bücher, die ich in Onleihe ausgeliehen habe, nach Adobe Digital Editions zu exportieren und dort zu lesen. Diese App ist zwar auch nicht viel besser, funktioniert aber zumindest stabiler. Wie da genau geht, könnt ihr hier lesen.

Onleihe demgegenüber sieht ziemlich langweilig aus

Bücher, die man in Onleihe geliehen hat, kann man übrigens auch auf einem eReader wie denen von Tolino lesen. Nur mit dem Kindle geht das nicht. Blöd für mich, da ich seit Jahren einen habe.

Das langweilige Aussehen könnte ich verzeihen, leider stürzt die App oft ab und hat viele weitere Probleme

Ausleihen ohne Restriktion: die Open Library

Für Liebhaber*innen englischsprachiger Literatur gibt es aber noch gute Nachrichten. Und zwar hat die Open Library vom Projekt Internet Archive beschlossen, während der Bibliotheksschließungen durch Covid-19 alle künstlichen Restriktionen aufzuheben. National Emergency Library heißt das, ist aber zum Glück auch international nutzbar. Bücher können nun unbegrenzt und ohne Warteliste ausgeliehen werden.

Das freut zwar Verlage und Autor*innen nicht, ist aber trotzdem schön für alle, die nicht warten wollen. Die Open Library selbst begründet den Schritt damit, dass die Bibliotheken aktuell geschlossen sind, die Bevölkerung aber dennoch Steuern zahlt, dabei aber nicht mehr davon profitieren kann. Sicherlich ein ambivalenter Standpunkt.

Ich denke aber, dass es in den aktuellen Zeiten mehr wert ist, wenn wir alle einfacheren Zugriff auf Literatur haben. Auch weil es ein Schritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit ist. Es kann sich schließlich nicht jede*r leisten, einen Haufen Geld für Bücher auszugeben und sei es für Lehrbücher der eigenen Kinder oder für die Uni. Wenn diese Menschen nun aber nicht mehr in öffentliche Bibliotheken können, haben sie das Nachsehen. Da ich glaube, dass Bildung ein Menschenrecht ist, halte ich es für vertretbar, wenn andere für einen gewissen Zeitraum weniger verdienen.

Hinzu kommen zwei weitere Punkte auf die die Open Library in einem Blog-Post eingeht: Zum einen werden keine Bücher angeboten, die jünger als fünf Jahre sind. Autor*innen können als mit Neuerscheinscheinungen ganz normal Geld verdienen. Zum anderen deuten erste Zahlen der Open Library darauf hin, dass die meisten Bücher nur in der ersten halben Stunde nach dem Ausleihen benutzt werden. Sprich, viele Nutzer*innen schauen nur schnell rein, stellen fest, dass es sie nicht interessiert und legen das Buch wieder weg. So wie sie es in einer Bibliothek tun würden, wenn sie die Bücher in die Hand nehmen und durchblättern könnten.

Es gibt also mehr als genug Lesestoff auch trotz geschlossener Bibliotheken. Jetzt musst du dir nur noch die Zeit nehmen, auch wirklich zu lesen.


Photo by Iñaki del Olmo on Unsplash

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