„Jetzt ist das iPad endlich gut!“ – Interview mit Paperlike-Erfinder Jan Sapper

Vor ein paar Wochen hatte ich hier die Paperlike 2 Displayfolie für das iPad im Test und war ziemlich überzeugt. Jetzt habe ich mit dem Menschen gesprochen, ohne den es Paperlike nicht geben würde: Erfinder Jan Sapper. Wir haben darüber gesprochen, wieso es Paperlike eigentlich gibt, was sich mit der zweiten Version ändert, welche Tools das dezentrale Paperlike-Team nutzt, um über Kontinente hinweg zusammenzuarbeiten und wieso der Chef manchmal Pizza für alle ausgibt. Ein Interview

Papierlos Studieren: Ich finde das super interessant, wenn Leute was Neues schaffen. Wie hat das bei dir begonnen? Bist du eines Morgens wach geworden und hattest den Gedanken was zu machen oder wie bist du zu dem Punkt gekommen, ein Produkt wie Paperlike zu entwickeln?

Jan Sapper: Das fing schon lange, lange davor an. Ich hab schon lange keine Papiernotizen machen wollen. Und das bevor iPads überhaupt bereit dafür waren. Ich meine das iPad, wann kam das raus? Vielleicht 2010? Sobald das erste iPad rauskam habe ich es sofort ausprobiert, mit Stylus und so weiter. Aber die Stylus-Erfahrung war wirklich nicht gut. Ich hab es immer wieder probiert: iPad gekauft mit 14-Tage-Rückgaberecht, es ausprobiert und dann immer wieder zurückgegeben und gesagt: So kann ich nicht arbeiten.


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Ich konnte einfach noch keine Notizen aufm iPad machen. Ich hatte immer noch meinen Papierblock, um Notizen zu machen und wenn du dann zuhause bist, hast du den Block auf der Arbeit gelassen und dann hast du nicht mehr deine Ideen oder deine To-Do-Liste und mir war klar, das muss alles digital sein. Dann hast du – egal auf welchem Gerät – immer die gleichen Informationen verfügbar. Und dann kam das iPad raus mit dem Apple Pencil und dann wusste ich sofort, dass das das ist was ich möchte!

iPad mit Displayfolie und Apple Pencil
Vor ein paar Wochen habe ich die Paperlike 2-Folie auf Herz und Nieren getestet. Hier geht‘s zum Test und hier zum Shop*.

Aber dann habe ich gemerkt, dass ich nicht auf dieser rutschigen Oberfläche schreiben konnte. Das Problem war für mich so schlimm, so ein offensichtliches Problem, dass mir das sofort klar wurde. Ich hab dann den Verkäufer gefragt, ob es nicht eine Mattfolie gibt, die Papier simuliert? Und da hat der Verkäufer sofort gesagt: „Ne, so was gibt‘s nicht“. Aber das Problem war für mich so massiv, dass ich überzeugt war, dass irgendeine große Firma wie Belkin bald eine ähnliche Folie entwickeln würde.

Dann habe ich ein Jahr lang gewartet und dachte mir, dass wenn endlich mal die Lösung kommen sollte, würde ich mir ein iPad kaufen. Aber es kam nichts. Und dann habe ich irgendwann entschieden, dass ich das Problem selber für mich lösen muss. 

Ich hab online recherchiert und Foren gefunden, in denen Leute diskutierten, welche Matt-Folie so ähnlich wie Papier ist. Und dann habe ich recherchiert, viele Folien bestellt, habe alles bestellt, was es online gibt und irgendwann hatte ich die Bestätigung: Ja eine Matt-Folie mit spezifischer Rauigkeit gibt ein ähnliches Gefühl wie Papier. Und mit diesem Wissen habe ich dann mit Produzenten geredet, bis ich einen getroffen habe, der Lust hatte mit mir zu arbeiten. Ich hatte keine Firma, ich hatte keinen Beweis, dass auch nur eine Sekunde Arbeit mit mir sich auszahlen würde. 

Das heißt, es war schon ein riesiges Wunder, dass diese Firma überhaupt mit mir arbeiten wollte und dann haben wir – basierend auf einer Mattfolie – das Produkt weiterentwickelt bis es genau die Rauigkeit hatte, die ich wollte. Das hat ungefähr ein Jahr gedauert von der ersten Kontaktaufnahme bis sie zu mir gesagt haben, dass sie mit mir arbeiten können und wir die richtige Rauigkeit hinbekommen haben.

Es war schon ein riesiges Wunder, dass diese Firma überhaupt mit mir arbeiten wollte!

Und dann ging es um die Massenproduktion und um Kickstarter. Ich hatte 2011 meine erste Erfahrung mit Kickstarter, eine schreckliche Burn-Out-Erfahrung, aber dafür wusste ich jetzt wie man eine einfache, sehr effiziente Kickstarter-Kampagne lauchen kann. Und dann habe ich innerhalb von zwei Wochen die Kampagne gelauncht: Video filmen, schneiden – das hab ich alles selbst gemacht mit minimalen Kosten bis die Kampagne live war. Und da hatte ich als Kampagnenziel 2000€. Ich hätte mich schon sehr gefreut, wenn ich 4.000€ erreicht hätte, aber – Überraschung – wir sind mit Kickstarter und Indiegogo bei 60.000€ gelandet. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so enden könnte.

PS: Nochmal zurück zum Prozess der Folienfindung: Wie kann ich mir das genau vorstellen? Hat der Hersteller da verschiedene Modelle im Angebot und du lässt dir das zuschicken und dann wird entschieden? Wie stark ist dein Einfluss auf die Fertigung dieser Folie?

JS: Dem Produzenten habe ich einfach gesagt, dass er mir die Mattfolien schicken soll, die er hat. Dann wusste ich: Okay, der kann zumindest die Qualität die ich brauche produzieren. Da war der allererste Test. Und dann haben wir die Rauigkeit der Folie so angepasst, dass es meine Erwartungen erfüllt hat. Und es gab keine technischen Anforderungen wie es sein soll, sondern es war eher ein Ausprobieren. Jetzt mal dickere Sandkörner draufstrahlen oder dünnere Sandkörner. Als allererstes haben wir das Material definiert. Weil wenn man zu weiches Material benutzt dann fühlt es sich wie Gummi an, wenn es zu hart ist beschädigt es den Apple Pencil.

Das heißt als allererstes war das Material zu definieren und als zweiten Schritt mussten wir dann die richtige Rauigkeit bekommen. Bei der Rauigkeit stellt sich die nächste Frage: Je rauer das ist, desto weniger transparent wird es und da mussten wir die perfekte Balance finden, die dann so rau wie möglich ist, ohne dass die Transparenz zu stark betroffen ist. Das war ein Finetuning-Prozess. 

PS: Du meintest gerade, dass du schon Kickstarter-Vorwissen hattest durch einen Versuch, der nicht geklappt hat. Was hast du da konkret im zweiten Versuch besser gemacht?

JS: Allein das Aufstellen einer Kampagne. Ich habe bei der ersten Kampagne 5000€ für das Video ausgegeben. Ich habe damals auch eine Recherche gemacht und mir gesagt: Okay, Kampagnen müssen ein hochqualitatives Video haben. Aber das muss gar nicht so sein. Das Video muss nur die Message richtig tragen, die Person so gut wie möglich darstellen und so konnte ich mir zum Beispiel diese 5000€ sparen. Da habe ich schon 5000 versenkte Euros vermieden. Weil Kickstarter ist genau dafür da: unbewusste Märkte für Produkte herausfinden. Und sehr oft hast du überhaupt keine Vorstellung, wieviele Personen überhaupt dein Produkt wollen. Das heißt, je mehr Geld du investierst, desto höher ist das Risiko, dass du einfach nur alles verlierst. Und allein dieses Wissen war schon sehr wertvoll.

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Deswegen habe ich dann von Anfang an alles selber gemacht. Das Video selbst gedreht, selbst geschnitten. Ich hab mich einfach nur auf die wichtigsten Sachen fokussiert. Ich wusste einfach, worauf ich mich fokussieren musste: das Produkt darstellen und erzählen wie es dazu kam. Ich wusste aber auch schon, wie ich richtig PR mache. Dass ich den ganzen großen Medien schreibe, dass das iPad jetzt endlich gut ist. Direkt ein bisschen arrogant wirken, damit die fragen: „Was ist das denn für ein Typ?“ Dann kriegt man die Aufmerksamkeit. Und solche Sachen wusste ich aus meiner ersten Kampagne und das war sehr schön, weil ich nicht über alles zehn Mal nachdenken musste. Jetzt war einfach nur machen und das war echt schön!

PS: Die Kickstarter-Kampagne ist ja richtig eingeschlagen und ihr konntet viel mehr Geld einsammeln, als urprünglich gedacht. Wie verändert das die Arbeit?

J: Das coolste dabei ist, dass mir bewusst war, dass ich diese Firma als Hobby führen wollte. Das sollte alles so automatisch wie möglich machbar und auch skalierbar sein. Ich habe also von Anfang an es so geplant, dass ich mit einer Firma arbeite, die egal welche Menge an Ware versenden kann. Ich hab also direkt in Deutschland mit einem Distributor gearbeitet, der meine Logistik übernehmen würde. Hätte ich mit der Kampagne nur 100 Einheiten verkauft, wäre ich zufrieden gewesen. Aber dann wäre es keine Firma geworden und ich hätte es wieder geschlossen. Dann wäre es ein lustiges kleines Projekt gewesen und ich wäre auch glücklich gewesen damit.

Aber es ist anders gelaufen und da konnte mein Logistik-Partner alles erledigen. Die Einfuhr, das Verpacken und Rausschicken und das heißt, dass das für mich gleich viel Arbeit ist – egal ob ich einhundert oder dreitausend Folien verschicke. Von Anfang an war die Anforderung, dass es neben meinem Job funktionieren muss. Ich darf keine Ware berühren. So viel wie möglich muss automatisiert funktionieren. Und dann war auch die Skalierbarkeit einfach, weil das Grundprinzip funktioniert hat. 

PS: Das heißt mit der eigentlichen Massenherstellung hast du gar nichts zu tun, weil das an deinen Distributor ausgelagert ist?

JS: Ja. Es war eine Grundanforderung, dass ich nichts mit der Bewegung der Ware zu tun habe. Weil da weiß ich ganz genau, da hätte ich auf einmal keinen Job mehr. Ich hab letztens in einem Podcast gehört, da hatten Leute auf einmal kein Wohnzimmer mehr, weil es zu ihrem Lager geworden war. Und die konnten nichts mehr machen, weil sie nur am Packen waren. 

PS: Jetzt seid ihr ja gerade dabei, die zweite Version auszurollen. Was habt ihr denn aus der ersten Version gelernt und was habt ihr jetzt weiterentwickelt?

JS: Wir haben das Produkt gelauncht und die erste Version weltweit rausgeschickt. Und ziemlich schnell hatten wir zwei Probleme, die Leute immer wieder gemeldet haben: Zum einen sollte es transparenter sein. Die Pixel sind zu stark betroffen. Und zweitens könnte es ein bisschen rauer sein. Aber wie ich schon gesagt habe: Je rauer es ist, desto weniger transparenter ist es. Das waren die grundsätzlichen Limitierungen des Produktionsprozesses. Das heißt also, dass wir den kompletten Produktionsprozess ändern mussten, um überhaupt die Ziele erreichen zu können. Jetzt haben wir die Produktion von einem reduktiven Weg zu einem additiven Prozess verändert.

Paperlike 1 wurde so produziert, dass du eine flache Folie hattest, die bestrahlt wurde mit Sandkörnern. Das heißt, die ganze Oberfläche war zu einhundert Prozent betroffen. Paperlike 2 ist im Prinzip eine flache Folie, auf die kleine Erhebungen gestrahlt werden. Die Paperlike 2 Folie ist 90% flach und hat 10% mikroskopische Erhebungen. Und diese Erhebungen geben die Rauigkeit, die man will, aber weil sie so verteilt sind, ist ein Großteil der Oberfläche nicht betroffen von den Unebenheiten und die Transparenz ist stark erhöht. Gleichzeitig ist die Rauigkeit ein bisschen erhöht, womit wir unser Ziel erreicht haben.

PS: Hat das Auswirkungen auf die Langlebigkeit, wenn die Erhebungen nur aufgetragen sind?

JS: Es ist so mit der Folie verbunden, dass das kein Problem darstellt. Es ist genau das Paperlike, das ich gern von Anfang gehabt hätte.

PS: Ich würde noch gern was zur Arbeit bei euch in der Firma fragen. Ich habe gelesen, dass ihr in einem dezentralen Team arbeitet und ich finde es spannend, wie sich Teams ohne festes Büro organisieren. Wie macht ihr das denn? Welche Vorteile siehst du, aber auch welche Nachteile? Spielen zum Beispiel unterschiedliche Zeitzonen bei euch eine große Rolle oder instabiles Internet?

JS: Zur Zeit sind wir zwölf Personen. Ich bin der einzige, der Vollzeit daran arbeitet, alle anderen sind Freelancer, die weltweit verteilt sind. Wir haben ein Team von drei Support-Mitarbeitern. Eine ist in der Dominikanischen Republik, die andere ist in Portugal, einer ist in Valencia. Das ist mir alles egal, Hauptsache sie machen ihren Job. Mir ist egal, wie viele Stunden sie pro Tag arbeiten, Hauptsache wir erreichen unsere Ziele. Und das ist auch das Coole, alle werden pro Stunde bezahlt, sie haben also die volle Flexibilität wann sie arbeiten wollen, wie lange sie arbeiten wollen – Hauptsache wir erreichen unsere Ziele. Das ist die Support-Seite.

Das ist quasi bei uns eine Anforderung: Egal wo du wohnst, Hauptsache du kommst nicht zu uns ins Büro!

Für unsere Dokumentation benutzten wir Notion und das ist unser Knowledge-Management-Systen, in dem wir unsere Prozesse dokumentieren, wo wir Fragen stellen etc. Für die interne Kommunikation benutzen wir Protonet. Das ist quasi Slack mit Dropbox kombiniert. Und dann haben wir auch ein Content-Team und einen Content-Manager, der unsere ganzen Artikel schreibt, wir haben eine Social Media Managerin. Er ist in Bulgarien, sie in New York und unser Content-Creator ist in England.

Hier in Hamburg ist mein Business-Partner, der noch zur Zeit als Freelancer arbeitet, aber der wird bald angestellt. Im nächsten Monat sollten wir unsere ersten zwei Angestellten haben. Die waren bisher Freelancer, aber die kommen jetzt ins Team rein. Wir behalten auf jeden Fall diese dezentrale Arbeitsform. Das ist quasi bei uns eine Anforderung: Egal wo du wohnst, Hauptsache du kommst nicht zu uns ins Büro! Es ist sehr wichtig, dass wir nicht ohne es zu merken, doch ein Büro aufbauen. 

PS: Warum willst du genau so arbeiten?

JS: Eine Sache ist die Freiheit. Mir ist sehr wichtig, dass ich und alle unabhängig sind. Dass niemand das Gefühl hat, er muss um die und die Uhrzeit da sein. Geht mir auch so. Das ist auf allen Seiten die Erwartung, dass man um X Uhr da sein muss, oder richtig angezogen sein muss. Man landet dann immer wieder bei der Erwartung, okay der Chef muss früh da sein. Ich kenne genug Leute mit kleinen Firmen, wo sie die ersten und die letzten sind, die da sind. Das heißt auch, dass man viel Vertrauen braucht.

Und das ist auch der Punkt, an dem die Nachteile ins Spiel kommen. Man muss Vertrauen haben, dass die Leute das machen, was man möchte. Und noch ein Punkt, wieso es mir so wichtig ist, dass wir nicht aus Versehen ein Büro haben ist, dass wir dann nicht mehr merken, was wir alles nicht mehr dokumentieren. Und so ein Hybrid-Konstrukt könnte sehr problematisch werden, weil du glaubst, dass alle mitbekommen haben, was da Ziel ist, du dokumentierst nicht mehr so viel und die Leute die nicht da waren, kriegen nichts mehr mit. Das ist alles ein Lernprozess. 

Generell haben wir mit unserem dezentralen Team in der Tat Probleme mit Uhrzeiten. Wir machen ab und zu ein Pizza-Party-Event, wo wir uns alle treffen per Video-Call. Wir benutzen ein Tool, da geben alle ihre Adresse ein, ich bestelle die Pizza für alle und alle bekommen gleichzeitig eine Pizza. Aber du kannst dir vorstellen, dass bei einem solchen Video-Call immer nur alle mit allen sprechen. Es ist nicht so, dass einer eine Konversation hier hat und der andere dort. Das heißt, das ist nicht vergleichbar mit einem echten Treffen. Deshalb muss man Strukturen bauen, damit Teammitglieder die Chance haben, miteinander zu sprechen ohne dass sie das Gefühl haben, dass sie ihre Freizeit verbrennen.

Und da haben wir Strukturen wie Coffee Meetups, wo sich dann Dreiergruppen treffen. Jeder organisiert seinen eigenen Kaffee oder Donut, oder was auch immer, Hauptsache ihr sprecht miteinander. Ob sie über ihre Freizeit reden oder über Paperlike ist uns dabei egal. Es geht darum, dass Leute die Chance haben, ein bisschen zu sprechen. Das ist alles eine Findungsphase. Es gibt noch keine klaren best practices. Da sind wir am Herausfinden, wie es am besten funktionieren kann. 

PS: Spannend. Die letzte Frage wäre, was du dir für die mittlere bis fernere Zukunft für Paperlike wünschst?

JS: Das ist der Punkt Retail. Das Shops wie Gravis oder auch Apple Stores die Paperlike-Folien verkaufen. Das ist eine große Änderung mit Blick auf die Funktionsweise der Firma. Aber wenn das einfach so weiterläuft wie jetzt, würde ich mich auch total freuen. 

PS: Vielen Dank für das Interview!


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