Was ist ein Computer? iPad OS 13 vorgestellt

Multi-Tasking: Plötzlich so viele Fenster!

Die Abwesenheit von Multitasking war in den frühen Tagen des iPads sein größter Vorteil und Nachteil zugleich. Beliebig viele Fenster wie auf einem Mac gleichzeitig geöffnet zu haben, war per Design ausgeschlossen. Der Grundsatz lautete: One app at a time. Das war großartig, um sich wirklich zu fokussieren, brachte in der Summe aber mehr Nachteile mit sich, da man ständig zwischen Apps hin- und herwechseln musste. 

Mit iOS 9 war dieser Ansatz dann Geschichte. Apple führte Multitasking auch fürs iPad ein. Von nun an war es möglich, zwei Apps gleichzeitig zu öffnen (Split-View), eine App über eine andere zu legen (Slide-Over), oder ein Video bzw. einen Facetime-Call in einem kleinen Fenster weiterlaufen zu lassen, während man eine andere App nutzte (Picture-in-Picture). Mit den folgenden iOS-Iterationen wurde manches Detail an diesem System geändert, wirklich bahnbrechende Verbesserungen ließen aber auf sich warten. Eines der größten Probleme war dabei sicherlich, nicht zwei Instanzen einer App gleichzeitig öffnen zu können. Zwei Word-Dokumente auf einem iPad anzeigen zu lassen, war beispielsweise unmöglich. Gerade für Nutzerinnen, die viel mit Text arbeiten (also z.B. Studierende oder Wissenschaftlerinnen) war dieser Limitierung äußerst unangenehm. Die einzige Ausnahme bildete Safari. Hier war es ab iOS 10 möglich, zwei Websites zur gleichen Zeit nebeneinander anzeigen zu lassen.

Mit iPad OS 13 ändert sich diesbezüglich grundlegendes: Zum ersten Mal ist das iPad in der Lage, mehrere Instanzen einer App gleichzeitig anzuzeigen und im Hintergrund bereit zu stellen. Aber der Reihe nach.

Instanzen und App Exposé

Angenommen, ich möchte Daten zwischen zwei Ordnern verschieben. Bisher musste ich hierfür die integrierte Files-App öffnen, die Datei auswählen, sie kopieren, in den neuen Ordner navigieren und sie dort wieder einfügen. Das geht nun deutlich leichter. Ich öffne einfach Files, ziehe das Dock hoch und ziehe das Files-Icon ein zweites Mal neben das schon offene Fenster. Prompt gehen die beiden Instanzen der selben App in den Split-View-Modus und nehmen jeweils 50% des Bildschirms in Anspruch. Natürlich kann das Verhältnis auch weiterhin zu 70:30 bzw. 30:70 verschoben werden. Zwischen den beiden Fenstern kann ich nun Dateien per Drag & Drop hin- und herschieben.

Einfach Dateien von A nach B schieben

Genauso lassen sich zwei Notes-Fenster anzeigen oder zwei Mal die Mail-App, um beispielsweise eine Mail zu schreiben, während man eine andere als Referenz nutzt. So überfällig dieses Feature war, so sehr erhöht es die Produktivität des iPads. App-Entwickler*innen müssen das Feature zwar in ihre Apps integrieren, da es nicht einfach so funktioniert. Ich bin aber zuversichtlich, dass das bei den meisten Anwendungen schnell nach Release, wenn nicht gar direkt zum Start geschehen wird. Apples eigene Apps unterstützen das Verhalten natürlich von Beginn an.

Wem das noch nicht reicht, der kann natürlich auch noch Slide-Over nutzen, um sogar eine dritte Instanz einer App anzeigen zu lassen. Hier dürfte aber die sinnvollere Variante sein, eine zweite App, anstelle einer dritten Instanz der selben App anzeigen zu lassen. Allein aber die Möglichkeit zu haben, ist toll. Es wird sicher manche Usecases geben, in denen es sehr hilfreich ist, neben Split-View auch noch Slide-Over für ein und die selbe App zu nutzen.

Ich weiß zwar nicht wozu, aber man kann nun sogar 3 mal Mail gleichzeitig angezeigt bekommen

Stellt sich lediglich die Frage: Wie finde ich die einzelnen Fenster bzw. Instanzen einer App wieder? Hierfür hat Apple App-Exposé eingeführt. Auf dem Mac wird unter dem Begriff Exposé eine Übersicht aller geöffneter Fenster verstanden. Auf dem iPad ist es die Übersicht aller Fenster/Instanzen einer App. So ist der schnelle Wechsel zwischen den einzelnen Fenstern einer App möglich. 

Um App Exposé zu öffnen, gibt es zwei Möglichkeiten. Bin ich gerade auf dem Homescreen, klicke ich lang auf ein App Icon (der sog. Longpress, der auch andere Schnellaktionen zugänglich macht und 3D-Touch bzw. Haptic Touch vom iPhone imitiert/ersetzt). Nach kurzer Zeit öffnet sich ein Menü mit der Möglichkeit, alle Fenster anzeigen zu lassen.

Alle Fenster anzeigen als Aktion im Untermenü

Die zweite Möglichkeit kommt ins Spiel, wenn ich schon eine App geöffnet habe. Dann ist der schnellste Weg nämlich, das Dock hochzuwischen und auf das Symbol der schon geöffneten App zu klicken. Sofort öffnet sich die Exposé-Ansicht. Ein kleines Plus rechts oben in der Ecke ermöglicht es im Übrigen, auch direkt aus Exposé heraus, neue Instanzen zu öffnen.

Neben den normalen Fenstern werden in App Exposé auch App-Instanzen angezeigt, die in Slide-Over leben. So ist alles an einem Ort, was sehr angenehm für die Übersichtlichkeit ist. 

Slide-Over als Werkzeugkasten

Apropos Slide-Over.. hier hat sich ebenfalls eine Menge getan. Vor iPad OS war Slide-Over genau eine App. Man konnte sie wegwischen und wieder rüberziehen, am linken oder rechten Bildschirmrand anzeigen lassen. Das war’s. Wollte man eine andere App in Slide-Over haben, musste man die erste ersetzen. Diese Limitierung ist nun vorbei. Slide-Over bekommt nämlich einen eigenen App-Switcher, wie man ihn vom iPhone kennt. So können mehrere Apps gleichzeitig in Slide-Over existieren und nach Belieben gewechselt werden. Dazu zieht man einfach den kleinen grauen Indikator am unteren Ende nach oben und schon fächern sich alle Apps auf. Und natürlich kann man auch einfach durch die Apps wischen. Eben alles wie man es vom iPhone kennt.

Unten am Rand zeigt sich ein Indikator, wie man ihn schon vom iPhone kennt.

Slide-Over wird so für mich zur Toolbox. Ich sammle dort all die Apps, die kleine Werkzeuge für meinen Arbeitsalltag sind. Im Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe sind das folgende Apps: Dateien, Safari, 1Password, Paste, Linguee und Pouch.

Mein „Werkzeugkasten“

Wieso Dateien und Safari dort auftauchen sollte relativ klar sein. Das eine gibt mir schnellen Zugriff auf Files aus iCloud oder Dropbox, das andere – Safari – ist super, um schnell etwas zu recherchieren. Dafür reicht auch der wenige Bildschirmplatz, den man in Slide-Over bekommt. 1Password ist mein Passwortmanager. Wenn ich ihn auf einer Website brauche, habe ich ihn so schnell zur Hand und kann per Drag & Drop Login-Daten einfügen. Paste ist ein verbessertes Clipboard mit dem Text, aber auch Bilder oder andere Dateien geräteübergreifend kopiert, gespeichert und wieder abgerufen werden können. Ich nutze es aber in erster Linie, um Textbausteine, (Mail-)Adresse und ähnliches zu speichern und später zu nutzen. Für den schnellen Zugriff auf abgelegte Dateien ist Pouch da, eine Art Regal-App, die quasi den Desktop als temporären Speicherort ersetzt. Linguee zuletzt ist eine Übersetzer-App, da ich oft auch auf englisch lese und schreibe und es schätze, schnell mal ein Wort oder eine Phrase nachschauen zu können. 

Verschiedene App-Paare für eine komplette Arbeitsumgebung

Zuletzt möchte ich noch auf ein oft übersehenes Feature hinweisen: App-Paare. Wie oben beschrieben, können zwei Apps in Split-View koexistieren. So weit, so bekannt. Außerdem war es bisher schon möglich, verschiedene App-Paare zu haben und sie im App-Switcher zu wechseln. Beispielsweise konnte ich auch schon vor iPad OS ein Paar aus Mail und Safari und eines aus einem PDF Reader und Notes haben. Diese Paare blieben im Hintergrund erhalten und konnten bei Bedarf wieder aufgerufen werden.

Der App Switcher mit Einzelapps und App-Paaren

Das Problem war allerdings, dass jede App nur einmal laufen konnte, da das Konzept von Instanzen ja noch nicht bestand. Das hat sich nun geändert und das ist ein massiver Vorteil, da es nun zum ersten Mal möglich ist, eine gesamte Arbeitsumgebung für eine bestimmte Aufgabe zu „bauen“. Dadurch, dass eine App mehrere Instanzen haben kann, kann ich sie auch in mehrere App-Paare einbauen.

Angenommen ich möchte einen forschungsintensiven Artikel schreiben. Dann benötige ich dafür mit Sicherheit einen PDF-Reader, Safari, ein Schreibprogramm, meine Literaturverwaltung, die Dateien-App, Notes und ein paar kleine Helfer wie ein Wörterbuch. Ich kann nun – immer unter der Prämisse, dass die entsprechenden Apps das neue Verhalten implementieren – meinen PDF-Reader neben Notes geöffnet haben, um Notizen aus einem Text zu extrahieren. Gleichzeitig kann ich in einem anderen App-Pärchen Notes und mein Schreibprogramm offen haben und in einem dritten meine Literaturverwaltung und Safari für die Quellenrecherche. In Slide-Over finden sich dann die von mit angesprochenen kleinen Helfer, die auf diese Weise schnell zur Hand sind und mich nicht von meiner Arbeit abhalten, sondern mich darin unterstützen. 

Einschränkend hinzufügen muss ich leider, dass nicht zwei Mal das gleiche Dokument, oder die gleiche Notiz in verschiedenen App-Pärchen existieren kann. Es ist also nicht möglich, die Zusammenfassung eines Textes, die ich in Notes schreibe, sowohl in einem Paar mit meinem PDF-Reader, als auch in einem anderen Paar mit meinem Schreibprogramm zu haben. Wenn ich versuche, beispielsweise die gleiche Notiz zu einem zweiten Pärchen hinzuzufügen, wird automatisch das erste Pärchen getrennt. Ich hoffe sehr, dass sich dieses Verhalten noch ändert, da man so noch einfacher mit ein und der selben Datei arbeiten könnte, wie es für komplexe Schreibprozesse oder ähnliche Arbeiten mit viel Referenzmaterial typisch ist. Zwei Mal die gleiche Apple Notes Notiz nebeneinander zu haben, funktioniert aber – prinzipiell scheint es also möglich zu sein.

Notes im Doppelpack

Multitasking auf neuem Level

Für mich sind die Neuerungen im Multitasking-System ein Segen. Endlich kann ich mehrere Instanzen der selben App haben. Das ist gerade bei Apps wie Files, Notes, Schreibprogrammen oder PDF-Readern unheimlich wertvoll. Wer professionell mit seinem iPad arbeiten möchte, benötigt nunmal häufig eine Reihe verschiedener Dokumente, Bilder, Videos und so weiter. Dass das nun möglich ist, ist ein super Schritt. Noch besser gefällt mir aber, dass Slide-Over nun so viel mehr zu bieten hat. Ich möchte den kleinen Werkzeugkasten am Bildschirmrand nicht mehr missen. Wenn jetzt noch die Möglichkeit hinzukommt, eine Datei in mehreren App-Paaren geöffnet zu haben, wäre ich komplett zufrieden.

Trotz aller Freude möchte ich auch Kritik äußern. Bei all den neuen Möglichkeiten kann man nämlich auch schnell mal den Überblick verlieren. Mir ging es schon öfter so, dass ich schlicht vergessen hatte, dass da irgendwo noch eine weitere Instanz einer App schlummerte, mit der ich eigentlich arbeiten wollte. Und auch die nach wie vor fehlende Suche für den App-Switcher finde ich unverständlich. Es ist schlicht mühsam, sich durch diverse Fenster zu scrollen, um irgendwann das richtige zu finden. Wie praktisch wäre da ein kleines Suchfenster, um Apps filtern zu können. Gibt es aber nicht. Unverständlich. Die positiven Seiten überwiegen für mich dennoch deutlich.

Und wer mit all dem nichts anfangen will oder kann und sein iPad einfach nach wie vor beispielsweise als Konsumgerät nutzen möchte? Der kann das tun. Multitasking ist eine zweite, eher versteckte Lage des Betriebssystems und nicht der Normalzustand. Den Normalzustand bildet wie eh und je der Grundsatz One app at a time. Niemand wird zu mehr gezwungen. Dass aber viel mehr geht, ist ein extrem wichtiger und begrüßenswerter Schritt.

5 Kommentare

  1. Hallo,

    der Artikel ist echt umfassend geworden – zeigt sich dabei aber durchgehend nachvollziehbar und gut zu lesen. Vielen Dank dafür :).

    Einen wichtigen Punkt vermisse ich jedoch – wie hat sich die Funktionalität als Präsentiergerät durch IOS 13 verändert: nutzen Sie das Ipad für Präsentationen von wissenschaftlichen Arbeiten, wie ist die Kompabilität mit Beamern und zum Beispiel dem Logitech Magicpresenter? Oder fallen diese Funktionen eher in den Bereich der letzten fehlenden 5% als Computerersatz?

    Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen

    1. Hallo Kadric, vielen Dank für den netten Kommentar und die Nachfrage. Das ist in der Tat ein guter Punkt, den ich aber schlicht ausgelassen habe, weil ich das iPad (noch) nicht dafür nutze. Ich habe noch ein 2017er iPad Pro mit Lightning-Anschluss und wollte bisher ungern das Geld für einen entsprechenden Adapter ausgeben, wenn er bald wieder obsolet ist. Sobald ich aber ein iPad mit USB-C Anschluss habe, werde ich das garantiert tun und dann auch zu diesem Thema schreiben. An sich sollte das iPad sehr gut geeignet sein, GoodNotes hat z.B. kürzlich einen Presenter Mode eingebaut mit dem sich Dinge auf Slides zeigen lassen, ähnlich wie mit einem Laserpointer. Von daher – ja, noch fällt es unter die 5%, aber nicht weil es nicht geht, sondern einfach weil es bei mir noch nicht geht. Ich bleibe aber dran und schreibe zu gegebener Zeit darüber.

  2. Hallo,
    mit großem Interesse habe ich den Artikel gelesen.
    Ich bin nur endlich auch Besitzer eines iPad (Pro) und kann die tollen neuen Funktionen wie Slide View nutzen.
    Ich habe folgendes Szenario. Man hat zb Safari und Notizen im Dock. Ich öffne Safari, ziehe das Dock hoch, halte kurz das Notiz Symbol fest und schiebe es in die Slide View. So weit so gut und das klappt auch perfekt..
    Was mache ich aber, wenn das App welches ich in Slide View nutzen möchte NICHT im Dock ist? Nehmen wir an ich möchte nun die Dateien App als Slide View nutzen mit Safari. Dateien befindet sich aber auf dem Home Screen. Also hilft mir hier das Dock nicht weiter. Und wenn ich Safari mit einem Wisch nach oben „schließ“ kann ich die App Dateien vom Home Screen ja nicht in die Slide View ziehen. Ich behelfe mir im Moment damit, dass ich ich erst das App welches nicht im Dock ist öffne, dann Safari in den Split View Modus mit Dateien bringe und dann wieder die Dateien App „anpacke“ und in die Slide View Ansicht schiebe. Nicht schön aber funktioniert. Jetzt könnte man sage, dann schieb dir doch Dateien auch ins Dock, aber das Dock hat ja auch eine Begrenzung und ich kann ja nicht alle Apps in das Dock ziehen.

    Gibt es hier noch eine andere Möglichkeit oder gibt es da Erfahrungswerte?
    Vielen Dank

    1. Hallo, vielen Dank für die Frage, die beschäftigt tatsächlich viele. Ich finde auch, dass Apple das nicht gut gelöst hat, zumindest wenn man das iPad ohne Tastatur nutzt. Zum Glück gibt es trotzdem ein paar Lösungen und ich hoffe eine davon passt für Sie. 1) Am einfachsten ist es, wenn man eine Tastatur nutzt. Ein Klick auf cmd+Leertaste öffnet Spotlight und man kann die entsprechende App suchen und dann in Splitview ziehen. 2) Die von Ihnen genannte Lösung. Nicht schön, funktioniert aber. 3) Sie können auch ganze Ordner im Dock ablegen und dort dann so viele Apps reinpacken wie sie möchten. Ich habe z.B. einen Ordner im Dock mit all den Apps, die ich ziemlich häufig nutze. Die ständig genutzten sind normal im Dock, die „2. Reihe“ in diesem Ordner. So blockiere ich nur einen Slot im Dock, habe aber dennoch Zugriff. Und nur Apps, die ich für gewöhnlich eh nicht in Splitview oder Slideover nutze (z.B. Medien-Apps) oder selten genutzte Apps sind auf dem Homescreen. Die Mischung aus 1 und 3 funktioniert ziemlich gut für mich, wobei ich auch sagen muss, dass ich fast immer eine Tastatur nutze. Es wäre wirklich hilfreich, wenn man Spotlight auch ohne Tastatur einfacher nutzen könnte. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig helfen!

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