Endlich weniger Ablenkung! Digitales Wohlbefinden.

Die digitalen Ablenkungen lauern überall. Und halten uns machmal vom Arbeiten ab, auch wenn wir es gar nicht wollen. Umso wichtiger, dass Google und Apple Wege finden, um unser Smartphone-Verhalten besser zu steuern. Ich stelle euch vor, was in nächster Zeit unter dem Schlagwort digitales Wohlbefinden zu erwarten ist.

Jeder Studentin wird es kennen: Kaum kommt die Prüfungsphase ist plötzlich alles wichtiger. Auf einmal glänzt sogar die WG-Küche wieder. Alles ist besser als zu lernen oder die Seminararbeit weiter zu schreiben. Und auch sonst versinken wir nur zu gern in unseren guilty pleasures. Der eine scrollt stundenlang durch Twitter, die andere bingewatcht Netflix-Serien, ist auf Instagram unterwegs oder verliert sich in Jodel.

All das ist natürlich auch okay, schließlich ist Freizeit wichtig. Aber vielleicht wünscht man sich auch von Zeit zu Zeit ein wenig Hilfe, wenn man eigentlich gerade dringend etwas schaffen will, die allzeit verfügbaren Ablenkungsmöglichkeiten aber einfach zu verlockend sind. An dieser Stelle kommen die Initiativen von Google und Apple ins Spiel, die sich an unser digitales Wohlbefinden richten: Digital Wellbeing bei Google und Screentime bzw. Bildschirmzeit bei Apple. Die Feature-Pakete kommen mit den neuen Betriebssystemversionen Android P bzw. iOS 12.

Android P wird voraussichtlich im Spätsommer oder frühen Herbst erscheinen. Da aber die Verbreitung neuer Android-Versionen traditionell schleppend vorangeht, wird Digital Wellbeing vielen Nutzer*innen vorerst verwehrt bleiben. Anders sieht das bei Apple-Produkten aus. Dort steht schon fest, dass iOS 12 Anfang September mit dem Release der neuen iPhones kommen wird: Für alle iPhones bis hinunter zum iPhone 5s und alle iPads seit dem iPad Air. Allerdings können die Features schon in den Beta-Versionen genutzt werden. Und genau das tue ich seit einigen Wochen auf meinem iPhone und iPad.

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung

Bei beiden Unternehmen bzw. Betriebssystemen steckt hinter dem Konzept jeweils ein Paket an mehreren Maßnahmen. An erster Stelle steht dabei, dass man Einsichten in sein persönliches Nutzungsverhalten benötigt, um etwas ändern zu können. Sowohl Android, als auch iOS stellen also Nutzungsstatistiken zur Verfügung. Die Funktionen ähneln sich relativ stark. Im Zentrum steht eine Aufschlüsselung nach Nutzungszeit und Kategorien. Bei Android ist das ein Kreisdiagramm, Apple nutzt einen Balken, um die unterschiedlichen Anteile zu visualisieren. Apple differenziert hier aber nicht direkt nach App, sondern nach Kategorien wie Social Media, Produktivität oder Bildung. Mit einem Klick kann man sich aber auch die Apps anzeigen lassen, die sich hintern den Kategorien verbergen.

Extrem spannend ist dabei, dass Apple beim Browsen nach Webseiten aufschlüsselt. Man kann also das eigene Surfverhalten sehr detailliert verfolgen – und darauf reagieren.

Übersicht Bildschirmzeit

Zwei weitere Info-Screens ergänzen das Bild unter iOS 12. Im ersten werden die sog. Aktivierungen gezeigt. Damit ist gemeint, wie oft man sein Gerät aktiviert, also den Bildschirm anschaltet. Wer also alle drei Minuten sein Smartphone in die Hand nimmt, „um nur mal schnell etwas zu schauen“, wird sich hier vielleicht erschrecken. Zusätzlich zu den durchschnittlichen Aktivierungen pro Stunde sieht man nämlich auch die Gesamtzahl der letzten 24 Stunden. Und da können ganz schön monströse Zahlen zustandekommen.

Aktivierungen

Abgerundet wird das Bild durch einen Screen, der die Mitteilungen pro App anzeigt. Auch hier gibt es die Gesamtanzahl pro Tag, eine Durchschnittszahl, die Verteilung über den Tag und eben die Aufschlüsselung nach Apps. Klickt man auf eine der Apps kommt man zu den Mitteilungseinstellungen, um ggf. direkt reagieren zu können. Wenn also bestimmte Apps besonders viele Mitteilungen schicken und dich nerven, werden sie hier entlarvt.

Mitteilungen

Das Ganze funktioniert natürlich geräteübergreifend. Wer also wie ich auf iPhone und iPad arbeitet, wird die Daten auch für beide Geräte gebündelt angezeigt bekommen. Was Android angeht, muss ich mich leider auf Drittberichte verlassen, da ich selbst nur sehr eingeschränkt Zugang zu Android-Geräten habe und schon gar keins nutzen kann, welches bereits eine Android P Beta aufgespielt hat. Meine Recherche sagt mir aber, dass es auch bei Googles Betriebssystem sehr ähnlich zugeht. Hier geht es zu einem Übersichtsartikel.

Von der Erkenntnis zur Umsetzung: Auszeit und App Limits

Was aber tun mit diesen neuen Einsichten? Ein wenig klang ja schon an, wie das Regulieren von Mitteilungen durch bestimmte Apps. Richtig interessant sind aber App Limits und Auszeit, wie Apple es nennt. Auszeit ist dabei die nukleare Lösung. Man kann hier nämlich das komplette Gerät lahmlegen. Eine echte Auszeit eben. Dafür definiert man einfach eine Zeitspanne und schon ist das Smartphone in dieser Zeit nur noch ein Backstein. Wer also wirklich mal eine komplette Auszeit möchte und nicht loskommt, kann diese Option nutzen.

Auszeit! (Und mein Homescreen 😉).

Für alle anderen, hat das Feature aber auch eine etwas weniger aggressive Variante parat. Man kann nämlich auch einfach nur alle Apps, außer eine vorher definierte Whitelist abschalten. Dieses Feature ist also ideal, um sich selbst den Zugang zu zeitraubenden Unterhaltungsapps zu sperren. iOS 12 hält hier nämlich den Menüpunkt Immer erlauben … parat. Dort können Apps ausgewählt werden, die auch in Auszeiten funktionieren. So könnte man dort also das Schreibprogramm, den To Do Manager und das Tool für Mindmaps auswählen, Auszeit einschalten und dann fokussiert arbeiten – man kann ja eh nichts anderes mehr machen.

Die zweite spannende Funktion sind App Limits. Der Name ist dabei selbsterklärend: Apps können Zeitlimits bekommen. Das ist denkbar einfach: App auswählen, tägliches Zeitlimit einstellen, fertig. Erreicht man dann das Limit, wird in der App ein Screen mit abgelaufener Sanduhr angezeigt. Allerdings darf man auch an dieser Stelle mündiger Bürgerin bleiben. Wenn man wirklich möchte, darf man die App mit einem Klick auf Limit ignorieren weiter nutzen.

Beispiel für App-Limits

Es ist also kein unüberwindbares Hindernis, auf jeden Fall aber ein deutliches Zeichen. Ich halte diese Variante für sehr gelungen, da sie mir einen deutlichen Anstoß gibt, ich aber auch aktiv entscheiden kann, eine App auch über das gesetzte Limit zu nutzen. Und wer sich wirklich zur Nichtnutzung zwingen will, der kann das in den Einstellungen aktivieren. Es gibt nämlich auch die Option, dass ein Zeitlimit nicht ignoriert werden kann.

So sieht es aus, wenn ein Zeitlimit erreicht ist.

Nicht Stören mit neuen Funktionen

Das ist aber noch nicht alles. Auch die Nicht Stören-Funktion hat einiges an Liebe seitens Apple erfahren. Hinzugekommen ist nun nämlich Schalfenszeit. Hier lässt sich eine Zeitspanne definieren, in der keine Mitteilungen zugestellt werden. Das ganze funktioniert zweistufig. Auch bisher konnte man schon über Nicht Stören einstellen, dass Mitteilungen still zugestellt werden, also ohne Ton oder Vibration.

Schlafenszeit geht hier einen Schritt weiter: Es erscheinen nämlich gar keine Mitteilungen mehr auf dem Sperrscreen. So kann man auch in der Nacht mal schnell die Uhrzeit checken ohne direkt durch diverse Mitteilungen aus dem Halbschlaf gerissen zu werden.

Schlafenszeit. 😴

Eine zweite sinnvolle Neuerung ist die Möglichkeit, Nicht Stören wahlweise bis zum Ende eines Termins oder Verlassen eines Ortes zu aktivieren. Wenn man also eine Vorlesung im Kalender zu stehen hat, kann man dafür sorgen, dass das Handy bis zum Ende des Events nicht stört. Gleichzeitig vergisst man aber auch nicht, den Modus wieder zu deaktivieren, da es ja automatisch passiert. Wenn noch nicht absehbar ist, wie lang ein Termin dauert, eignet sich die ortsbasierte Aktivierung. Dann schaltet sich der Modus wieder aus, wenn man den Ort verlässt.

Ein erwachsener Umgang mit smarten Geräten

Ich kann die neuen Initiativen von Google und Apple nur begrüßen. Es ist ein Fakt, dass wir uns oft zu viel mit unseren Geräten befassen und darüber die wirklich wichtigen Dinge vergessen. Ablenkungen warten überall und können produktivem Arbeiten schnell in den Weg kommen. Von daher sehe ich Hilfsmittel sehr positiv. Wichtig ist mir nur, dass meine eigene Handlungsfähigkeit gewahrt bleibt. Wenn ich mich aktiv entscheide, eine App weiter zu nutzen, auch wenn mein Limit überschritten ist, so soll das auch funktionieren. Das scheint aber der Fall zu sein.

Apple und Google scheinen sich hier auch nichts zu nehmen, auch wenn ich es für Android nicht selbst testen kann. Wer diese neuen Features auf iPad und iPhone testen will, kann dies mit einer Beta von iOS 12 tun. Dafür muss man sich nur unter beta.apple.com registrieren und den Anweisungen folgen. Ab September kommen dann alle in den Genuss. Für mich sind diese Funktionen ein Zeichen, dass wir im Umgang mit unseren Geräten erwachsener werden. Auch die großen Tech-Konzerne erkennen mittlerweile, dass Smartphones nicht nur ein Segen sind. Darauf zu verzichten ist natürlich keine Lösung. Den Umgang aber etwas zu steuern eine sehr gute! ⏳


Cover Photo: unsplash-logoNeONBRAND

2 Kommentare

    1. Hallo! Danke für das Lob und die spannenden Tipps. Ich habe die beiden Whitepaper direkt mal runtergeladen und werde sie mir schnellstmöglich anschauen.

      Beste Grüße,
      Jan Schaller

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